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Herr Jochen Gust
Berater von Angehörigen Demenzkranker beim Alzheimerforum, Berlin
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20.07.2004  Alzheimer/Demenz

Ernährung und Demenz

Nicht selten stellt eine angemessene Ernährung Pflegepersonen vor große Herausforderungen. Aus den unterschiedlichsten Gründen verweigern Demenzkranke zuweilen die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. Unter- und Mangelernährung sind die Folge.

Die entscheidende Frage die gestellt werden muss lautet dann: KANN oder WILL der Demenzkranke nicht essen? Ohne diese Frage schlüssig zu beantworten ist die Einleitung von Maßnahmen die eine Fehl-/Unterernährung ausgleichen sollen nicht sinnvoll machbar. Zuviel „ausprobieren“ und „experimentieren“, mit möglicherweise gefährlichen Konsequenzen, kann die Folge sein.

Fehl- oder Mangelernährung, d.h. das Fehlen oder die zu geringe Versorgung mit wichtigen Nährstoffen, kann über ein abwechslungsreiches Speisenangebot verhindert werden. Zu kritisieren ist hier deutlich, dass mehr und mehr Heime darauf verzichten ihr Speisenangebot flexibel an ihre Klientel und auch an den einzelnen Bedarfsfall anzupassen. Vielmehr ist eine Bewegung hin zum „catering-Service“ zu beobachten – die eigene Küche im Heim wird Opfer der Kostenminimierung. Auf Essenswünsche oder kurzfristigen Bedarf an Variationen bestimmter Speisen kann so kaum noch reagiert werden. Dies kann kaum zur optimalen Versorgung von Heimbewohnern beitragen. Hier muss ein „goldener Mittelweg“ gefunden werden, und die Folgekosten von Unter- und Mangelernährung müssen stärker ins Bewusstsein der Altenhilfe, insbesondere der Entscheidungsträger rücken.

Kann der Erkrankte z.B. aufgrund von Schluckstörungen nicht mehr richtig essen, können Vitamine und andere Nährstoffe auch in anderer Form, z.B. über Getränkezusätze zugeführt werden. Getränke können mit Zusätzen angedickt werden, um das Schlucken zu erleichtern.
Grundsätzlich sollte so lange wie möglich auch bei Demenzkranken die Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (LINK) eingehalten werden. Häufig ist dies eher eine Frage der „Präsentation“, also der Form des Nahrungsangebots. Gegebenenfalls muss das Essen passiert werden.
Ebenso sind Schmerzbeobachtung und Schmerzbehandlung hier relevante Bestandteile der Sorge um angemessene Ernährung und Flüssigkeitszufuhr. Die Beobachtung und Feststellung, warum der alte Mensch nicht essen kann ist der entscheidende Schritt zur Problemlösung. Ist die Ursache des Unvermögens geklärt, lässt sie sich oft beheben bzw. günstig beeinflussen.
Sehr viel häufiger ist es zumindest bei beginnender und mittelschwerer Demenz, dass der Demente nicht ausreichend Essen und Trinken kann, obwohl organisch kein Problem vorliegt hinsichtlich von Schluckstörungen oder Erkrankungen des Magen- Darmtraktes.
Erschwerend kommt hinzu, dass Demenzkranke sowohl ihre Essenswünsche / ihr Hungergefühl, als auch die Gründe für eine Ablehnung von angebotenen Speisen und Getränken erkrankungsbedingt häufig nicht präzise Äußern können.

Das Nicht-Essen / Trinken-Können ist häufig u.a. auf folgende Umstände zurückzuführen, die jeweiligen Maßnahmen und möglichen Handlungsansätze greifen jeweils in einander über:
  1. Die Erkrankten verspüren keinen Hunger oder Durst
    Essen und Getränke sollten möglichst gemeinsam eingenommen werden. In unserem Kulturkreis wird bei Geselligkeit immer noch gerne gegessen und getrunken. Viele Demenzkranke kennen das gemeinsame Essen auch aus ihrer Prägungszeit heraus, dem gemeinsamen Essen der Großfamilie Zuhause. Auch wenn wenig Durstgefühl vorhanden ist kann es helfen, sich gegenseitig zuzuprosten. Bestehen Probleme bei der Nahrungsaufnahme sollte ebenfalls eine eventuell bestehende Medikation auf ihre appetithemmende Wirkungsweise überprüft werden und gegebenenfalls gemeinsam mit dem Arzt alternativen besprochen werden. Feste Essenszeiten spielen gerade im stationären Bereich der Altenhilfe eine große Rolle. Dies kommt generell auch der Gewohnheit vieler Senioren nicht ungelegen. Bei Demenzkranken ist aber eine Einführung von Gleitzeiten für die Mahlzeiten zwingend erforderlich. Kleine Speisen wie z.B. Joghurts, Puddings oder Früchtebrei müssen unbedingt zu jeder Zeit, auch nachts, verfügbar sein. Da Demenzkranke häufig ihren eigenen Rhythmus entwickeln was zeitliche Abläufe angeht (z.B. gestörter Schlaf- Wachrhythmus), muss sich diesem Rhythmus angepasst werden.
    Bewegung trägt ebenfalls dazu bei, Hunger und Appetit zu entwickeln. Hierzu sind größere sportliche Aktivitäten nicht nötig, sondern vielmehr eine ausreichend sinnvolle (und angemessen anstrengende) Tätigkeit. Vom bloßen herumsitzen oder –liegen wird der Appetit bei den meisten Menschen eher geringer als größer.
    Übringens, immer wieder von Angehörigen berichtet und selbst erlebt: Wenn es die Pflegekraft schon beim Servieren ekelt (und sie dies auch deutlich macht), wie soll der Demenzkranke freudig und mit Genuss sein Essen verzehren? Auch sind die Mitarbeiter aufgerufen darüber nachzudenken, wie auch z.b. passierte Kost appetitanregend serviert und auf dem Teller angerichtet werden kann.
  2. Speisen und Getränke werden gar nicht als solche erkannt
    Regional übliches Essen und Getränke haben sich in der Dementenpflege als sehr günstig für ein positives Ernährungsverhalten Demenzkranker erwiesen. Was bekannt ist, wird auch eher und gerne gegessen. Eine Versteifung auf Biographieerkenntnisse ist jedoch in diesem Bereich als falsch zu werten. Demenzkranke bevorzugen meist sehr süße Speisen, unabhängig davon, ob sie „früher“ dies oder jenes bevorzugten. Auch die „italienische Woche“ im norddeutschen Pflegeheim darf im Dementenbereich getrost wegfallen bzw. nicht ohne Alternative angeboten werden. Gerüche sowie visuelle Reize spielen hierbei eine besondere Rolle: Demenzkranke sollten aus „dampfenden Schüsseln“ serviert bekommen bzw. sich selbst nehmen. Das Brot oder Brötchen morgens sollte kurz in der Küche angewärmt werden – denn frisch (riechendes / sich an-fühlendes) Brot schmeckt einfach am Besten. Die Pflegeperson sollte jeweils den Erkrankten auch darüber informieren, was es zu Essen gibt.
  3. Die Situation der Mahlzeiteneinnahme überfordert sie
    Frühstückszenerie:
    Vor der Demenzkranken Erna K. steht der Frühstücksteller auf dem Tisch. Zwei fertig geschmierte Brote darauf. Daneben eine Tasse Kaffee sowie ein Becher Saft. Vor dem Teller steht noch die obligatorische Milchsuppe mit Löffel, daneben liegt eine Serviette. Da Sonntag ist steht auch noch ein Ei samt Eierbecher daneben. Im Hintergrund dudelt das Radio die NEUESTEN Schlager und zwischendurch immer mal wieder Nachrichten aus einer Gegenwart, in der Erna K. nicht lebt. Über ihren Kopf hinweg ruft eine besorgte Altenpflegerin Frau Helga M. zur Ordnung, die schon wieder vom gedeckten Tisch aufstehen will.
    Sicherlich eine leicht überspitzt dargestellte Frühstückssituation aus dem Pflegeheim. Aber auch nicht allzu weit von der Realität entfernt.
    Richtig ist, dass die leise musikalische Untermahlung einer Mahlzeit bei vielen Demenzkranken förderlich auch die Menge der zu sich genommenen Speisen wirkt. Dies muss aber sehr genau beobachtet werden und Ende des mittleren Krankheitsstadiums vollständig unterbleiben. Musik und Radio, noch dazu aktueller Machart tragen zur Reizüberflutung der Demenzkranken bei. Ist der oder die Dementen überfordert, wird sie natürlich versuchen den Ort des Geschehens zu verlassen, zumal der eigentliche Grund des Hierseins bereits völlig vergessen ist.
    Der Tisch sollte je nach Krankheitsstadium ebenfalls nicht zu reichhaltig gedeckt sein. Mit dem Krankheitsfortschritt schwinden die Fähigkeiten, komplexe Situationen zu erfassen, Reihenfolgen angemessen einzuhalten. Wenn eine Mahlzeit mehrere Gänge hat, sollten diese nacheinander serviert werden. Ebenso verhält es sich mit angebotenen Getränken.
    Das Geschirr sollte dekorfrei sein. Demenzkranke neigen sonst dazu, mit dem Dekor zu „spielen“ oder zu versuchen es abzukratzen oder sie identifizieren das Geschirr als schmutzig.
Generell wird vorgerechnet, dass ein alter Mensch einen um etwa 20 – 25% geringeren Energiebedarf via Nahrung hat, als er es in jüngeren Jahren hatte.
Dies gilt jedoch nicht für multimorbide Personen, d.h. für die allermeisten Heimbewohner. Im Gegenteil, Menschen die gleich mehrere Erkrankungen auf sich vereinigen, haben einen um etwa 20% erhöhten Energiebedarf.
Bei Demenzkranken kommt nicht selten eine innere Unruhe hinzu, die sich auch in einem starken Bewegungsdrang äußern kann. Der Bewegungsdrang wiederum führt dazu, dass deutlich mehr Energie verbraucht wird als es bei einem „normalen“ alten Menschen der Fall wäre. Im vergleich zu anderen Senioren verbrennen Demenzkranke dadurch bis zu 1.800 kcal mehr – die Energiezufuhr muss also erhöht werden.

Die Nahrungsaufnahme dient aber natürlich nicht nur der bloßen Energiezufuhr des Körpers. Die Mahlzeiten sind zum einen eine wichtige Beschäftigung für Demenzkranke und tragen wesentlich zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Das Verhalten der Pflegeperson kann die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme entscheidend beeinflussen. Fragen wie „Möchten Sie dies oder jenes Essen“ sind hierbei nicht unbedingt als günstig anzusehen. Vielmehr sollte die Pflegeperson ein wenig Theater spielen und selbst anfangen zu essen und deutlich zeigen, wie köstlich das Essen schmeckt.

Tischmanieren sind bei den Mahlzeiten vernachlässigbar. Wichtig ist, dass der Demenzkranke isst – und zwar selbständig so lange wie möglich. Ob mit Gebiss oder ohne, ob mit Besteck oder mit den Fingern. All dies ist sekundär, und das wiederholte Korrigieren des selbständigen Essens führt sehr schnell zu einer Verweigerungshaltung seitens des Demenzkranken. Den Erkrankten mit den Fingern selbst Essen zu lassen ist in jedem Fall einem anreichen der Nahrung vorzuziehen. Trinkoasen (das Herumstehen von gefüllten Bechern / Gläsern) sollten ebenfalls jederzeit für die Demenzkranken erreichbar sein.
Um rechtzeitig Gewichtsverlust oder eine drohende Exsikkose (Austrocknung) zu erkennen ist das regelmäßige Wiegen der Erkrankten unumgänglich. Bei Schwanklungen des Gewichts ist eine wöchentliche Kontrolle empfehlenswert. Anzeichen für eine Austrocknung, die wegen ihrer schnell eintretenden Folgen (lebensbedrohlich) genau zu beobachtet werden müssen, sind u.a.:
Trockenheit der Zunge und der Mundschleimhäute; Trockenheit der Achselhöhlen; niedriger Blutdruck; eingefallene Augen sowie die Ausscheidung von geringen, jedoch stark konzentrierten Mengen von Urin; akute Verwirrtheit; geringe Hautspannung (Hautfalten bleiben stehen oder bilden sich nur langsam zurück).

Generell gilt, dass es bei der richtigen, d.h. angemessenen Zufuhr von Flüssigkeit und Nahrung nicht in erster Linie um die Erfüllung medizinisch induzierter Messwerte gehen kann. Vielmehr sollten diese Werte als grober Orientierungsrahmen gelten und für Demenzkranke individuell angepasst werden, ohne das eine Gefährdung oder gar der Verlust von Lebensqualität droht. Zeigt ein Mensch keinerlei Anzeichen von Austrocknung ist es also fragwürdig, ihn zur vermehrten Flüssigkeitsaufnahme zu nötigen (zwingen), um einen Standardwert zu erfüllen.
Da kommt die Erkenntnis, dass Kaffee in der Flüssigkeitsbilanz wie jedes andere Getränk zu behandeln ist gerade recht. Bislang wurde im Pflegeheim Kaffee meist nicht oder nur zur Hälfte in die Flüssigkeitsbilanz mit aufgenommen, zählte also nicht oder nur zu 50% zur Flüssigkeitseinfuhr. Zu Unrecht, wie Professor Armstrong von der Universität Connecticut nachwies. Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke führen nicht zu einem erhöhten Flüssigkeitsverlust beim Menschen, wenn sie in einem normalen Umfang von täglich ca. 4 Tassen konsumiert werden. Und Kaffee trinken die meisten Senioren sehr gerne – auch Demenzkranke.

Quellen und empfehlenswerte Links dazu:

Praxisreihe der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. Band 6; Ernährung in der häuslichen Pflege Demenzkranker; 1. Auflage 2004 unter www.deutsche-alzheimer.de

www.demenz-ded.de Auf der Homepage der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung steht eine Schrift „Essen und Trinken. Die Ernährung Demenzkranker.“ im download-Bereich zur Verfügung.

Eine empfehlenswerte Homepage dazu ist www.nahrungsverweigerung.de