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Bertold Brecht: Die unw�rdige Greisin Drucken

Meine Gro�mutter war zweiundsiebzig Jahre alt, als mein Gro�vater starb. Er hatte eine kleine Lithographenanstalt in einem badischen St�dtchen und arbeitete darin mit zwei, drei Gehilfen bis zu seinem Tod. Meine Gro�mutter besorgte ohne Magd den Haushalt, betreute das alte, wacklige Haus und kochte für die Mannsleute und Kinder.

Sie war eine kleine, magere Frau mit lebhaften Eidechsenaugen, aber langsamer Sprechweise. Mit recht k�rglichen Mitteln hatte sie f�nf Kinder gro�gezogen von den sieben, die sie geboren hatte. Davon war sie mit den Jahren kleiner geworden.

Von den Kindern gingen die zwei M�dchen nach Amerika und zwei S�hne zogen ebenfalls weg. Nur der J�ngste, der eine schwache Gesundheit hatte, blieb im St�dtchen. Er wurde Buchdrucker und legte sich eine viel zu gro�e Familie zu. So war sie allein im Haus, als mein Gro�vater gestorben war.

Die Kinder schrieben sich Briefe über das Problem, was mit ihr zu geschehen h�tte. Einer konnte ihr bei sich ein Heim anbieten, und der Buchdrucker wollte mit den Seinen zu ihr ins Raus ziehen. Aber die Greisin verhielt sich abweisend zu den Vorschl�gen und wollte nur von jedem ihrer Kinder, das dazu imstande war; eine kleine geldliche Unterst�tzung annehmen. Die Lithographenanstalt, l�ngst veraltet, brachte fast nichts beim Verkauf, und es waren auch Schulden da. Die Kinder schrieben ihr; sie k�nne doch nicht ganz allein leben, aber als sie darauf überhaupt nicht einging, gaben sie nach und schickten ihr monatlich ein bi�chen Geld. Schlie�lich, dachten sie, war ja der Buchdrucker im St�dtchen geblieben.

Der Buchdrucker übernahm es auch, seinen Geschwistern mitunter über die Mutter zu berichten. Seine Briefe an meinen Vater und was dieser bei einem Besuch und nach dem Begr�bnis meiner Gro�mutter zwei Jahre sp�ter erfuhr, geben mir ein Bild von dem, was in diesen zwei Jahren geschah.

Es scheint, da� der Buchdrucker von Anfang an entt�uscht war, da� meine Gro�mutter sich weigerte, ihn in das ziemlich gro�e und nun leerstehende Haus aufzunehmen. Er wohnte mit vier Kindern in drei Zimmern. Aber die Greisin hielt überhaupt nur eine sehr lose Verbindung mit ihm aufrecht. Sie lud die Kinder jeden Sonntagnachmittag zum Kaffee, das war eigentlich alles. Sie besuchte ihren Sohn ein oder zweimal in einem Vierteljahr und half der Schwiegertochter beim Beereneinkochen. Die junge Frau entnahm einigen ihrer �u�erungen, da� es ihr in der kleinen Wohnung des Buchdruckers zu eng war. Dieser konnte sich nicht enthalten, in seinem Bericht darüber ein Ausrufezeichen anzubringen.

Auf eine schriftliche Anfrage meines Vaters, was die alte Frau denn jetzt so mache, antwortete er ziemlich kurz, sie besuche das Kino. Man mu� verstehen, da� das nichts Gew�hnliches war, jedenfalls nicht in den Augen ihrer Kinder. Das Kino war vor drei�ig Jahren noch nicht, was es heute ist. Es handelte sich um elende, schlecht gel�ftete Lokale, oft in alten Kegelbahnen eingerichtet, mit schreienden Plakaten vor dem Eingang, auf denen Morde und Trag�dien der Leidenschaft angezeigt waren. Eigentlich gingen nur Halbw�chsige hin oder, des Dunkels wegen, Liebespaare. Eine einzelne alte Frau mu�te dort sicher auffallen.

Und so war noch eine andere Seite dieses Kinobesuchs zu bedenken. Der Eintritt war gewi� billig, da aber das Vergn�gen ungef�hr unter den Schleckereien rangierte, bedeutete es �hinausgeworfenes Geld�. Und Geld hinauswerfen war nicht respektabel.

Dazu kam, da� meine Gro�mutter nicht nur mit ihrem Sohn am Ort keinen regelm��igen Verkehr pflegte, sondern auch sonst niemanden von ihren Bekannten besuchte oder einlud. Sie ging niemals zu den Kaffeegesellschaften des St�dtchens. Dafür besuchte sie h�ufig die Werkstatt eines Flickschusters in einem armen und sogar etwas verrufenen G��chen, in der, besonders nachmittags, allerlei nicht besonders respektable Existenzen herumsa�en, stellungslose Kellnerinnen und Handwerksburschen. Der Flickschuster war ein Mann in mittleren Jahren, der in der ganzen Welt herumgekommen war, ohne es zu etwas gebracht zu haben. Es hie� auch, da� er trank. Er war jedenfalls kein Verkehr für meine Gro�mutter. Der Buchdrucker deutete in einem Brief an, da� er seine Mutter darauf hingewiesen, aber einen recht k�hlen Bescheid bekommen habe. �Er hat etwas gesehen�, war ihre Antwort, und das Gespr�ch war damit zu Ende. Es war nicht leicht, mit meiner Gro�mutter über Dinge zu reden, die sie nicht bereden wollte.

Etwa ein halbes Jahr nach dem Tod des Gro�vaters schrieb der Buchdrucker meinem Vater, da� die Mutter jetzt jeden zweiten Tag im Gasthof esse.

Was für eine Nachricht!

Gro�mutter, die zeit ihres Lebens für ein Dutzend Menschen gekocht und immer nur die Reste aufgegessen hatte, a� jetzt im Gasthof! Was war in sie gefahren?

Bald darauf f�hrte meinen Vater eine Gesch�ftsreise in die N�he, und er besuchte seine Mutter.

Er traf sie im Begriffe, auszugehen. Sie nahm den Hut wieder ab und setzte ihm ein Glas Rotwein mit Zwieback vor. Sie schien ganz ausgeglichener Stimmung zu sein, weder besonders aufgekratzt noch besonders schweigsam. Sie erkundigte sich nach uns, allerdings nicht sehr eingehend, und wollte haupts�chlich wissen, ob es für die Kinder auch Kirschen g�be. Da war sie ganz wie immer. Die Stube war nat�rlich peinlich sauber, und sie sah gesund aus.

Das einzige, was auf ihr neues Leben hindeutete, war, da� sie nicht mit meinem Vater auf den Gottesacker gehen wollte, das Grab ihres Mannes zu besuchen. �Du kannst allein hingehen�, sagte sie beil�ufig, �es ist das dritte von links in der elften Reihe. Ich mu� noch wohin.�

Der Buchdrucker erkl�rte nachher, da� sie wahrscheinlich zu ihrem Flickschuster mu�te. Er klagte sehr. �Ich sitze hier in diesen L�chern mit den Meinen und habe nur noch f�nf Stunden Arbeit und schlecht bezahlte, dazu macht mir mein Asthma wieder zu schaffen, und das Haus in der Hauptstra�e steht leer.�

Mein Vater hatte im Gasthof ein Zimmer genommen, aber erwartet, da� er zum Wohnen doch von seiner Mutter eingeladen werden w�rde, wenigstens pro forma, aber sie sprach nicht davon. Und sogar als das Haus voll gewesen war, hatte sie immer etwas dagegen gehabt, da� er nicht bei ihnen wohnte und dazu das Geld für das Hotel ausgab!

Aber sie schien mit ihrem Familienleben abgeschlossen zu haben und neue Wege zu gehen, jetzt, wo ihr Leben sich neigte. Mein Vater, der eine gute Portion Humor besa�, fand sie �ganz munter� und sagte meinem Onkel, er solle die alte Frau machen lassen, was sie wolle. Aber was wollte sie?

Das n�chste, was berichtet wurde, war, da� sie eine Bregg bestellt hatte und nach einem Ausflugsort gefahren war, an einem gew�hnlichen Donnerstag. Eine Bregg war ein gro�es, hochr�driges Pferdegef�hrt mit Pl�tzen für ganze Familien. Einige wenige Male, wenn wir Enkelkinder zu Besuch gekommen waren, hatte Gro�vater die Bregg gemietet. Gro�mutter war immer zu Hause geblieben. Sie hatte es mit einer wegwerfenden Handbewegung abgelehnt, mitzukommen.

Und nach der Bregg kam die Reise nach K., einer gr��eren Stadt, etwa zwei Eisenbahnstunden entfernt. Dort war ein Pferderennen, und zu dem Pferderennen fuhr meine Gro�mutter. Der Buchdrucker war jetzt durch und durch alarmiert. Er wollte einen Arzt hinzugezogen haben. Mein Vater sch�ttelte den Kopf, als er den Brief las, lehnte aber die Hinzuziehung eines Artzes ab.

Nach K. war meine Gro�mutter nicht allein gefahren. Sie hatte ein junges M�dchen mitgenommen, eine halb Schwachsinnige, wie der Buchdrucker schrieb, das K�chenm�dchen des Gasthofs, in dem die Greisin jeden zweiten Tag speiste.

Dieser �Kr�ppel� spielte von jetzt an eine Rolle.

Meine Gro�mutter schien einen Narren an ihr gefressen zu haben. Sie nahm sie mit ins Kino und zum Flickschuster, der sich �brigens als Sozialdemokrat herausgestellt hatte, und es ging das Ger�cht, da� die beiden Frauen bei einem Glas Rotwein in der K�che Karten spielten. �Sie hat dem Kr�ppel jetzt einen Hut gekauft mit Rosen drauf�, schrieb der Buchdrucker verzweifelt. �Und unsere Anna hat kein Kommunionskleid!�

Die Briefe meines Onkels wurden ganz hysterisch, handelten nur von der �unw�rdigen Auff�hrung unserer lieben Mutter� und gaben sonst nichts mehr her. Das Weitere habe ich von meinem Vater.

Der Gastwirt hatte ihm mit Augenzwinkern zugeraunt: �Frau B. am�siert sich ja jetzt, wie man h�rt.�

In Wirklichkeit lebte meine Gro�mutter auch diese letzten Jahre keinesfalls �ppig. Wenn sie nicht im Gasthof a�, nahm sie meist nur ein wenig Eierspeise zu sich, etwas Kaffee und vor allem ihren geliebten Zwieback. Dafür leistete sie sich einen billigen Rotwein, von dem sie zu allen Mahlzeiten ein kleines Glas trank. Das Haus hielt sie sehr rein, und nicht nur die Schlafstube und die K�che, die sie benutzte. Jedoch nahm sie darauf ohne Wissen ihrer Kinder eine Hypothek auf. Es kam niemals heraus, was sie mit dem Geld machte. Sie scheint es dem Flickschuster gegeben zu haben. Er zog nach ihrem Tod in eine andere Stadt und soll dort ein gr��eres Gesch�ft für Ma�schuhe er�ffnet haben. Genau betrachtet, lebte sie hintereinander zwei Leben. Das eine, erste, als Tochter, als Frau und als Mutter und das zweite einfach als Frau B., eine alleinstehende Person ohne Verpflichtungen und mit bescheidenen, aber ausreichenden Mitteln. Das erste Leben dauerte etwa sechs Jahrzehnte, das zweite nicht mehr als zwei Jahre.

Mein Vater brachte in Erfahrung, da� sie im letzten halben Jahr sich gewisse Freiheiten gestattete, die normale Leute gar nicht kennen. So konnte sie im Sommer fr�h um drei Uhr aufstehen und durch die leeren Stra�en des St�dtchens spazieren, das sie so für sich ganz allein hatte. Und den Pfarrei; der sie besuchen kam, um der alten Frau in ihrer Vereinsamung Gesellschaft zu leisten, lud sie, wie allgemein behauptet wurde, ins Kino ein!

Sie war keineswegs vereinsamt. Bei dem Flickschuster verkehrten anscheinend lauter lustige Leute, und es wurde viel erz�hlt. Sie hatte dort immer eine Flasche ihres eigenen Rotweins stehen, und daraus trank sie ihr Glöschen, w�hrend die anderen erz�hlten und über die w�rdigen Autorit�ten der Stadt loszogen. Dieser Rotwein blieb für sie reserviert, jedoch brachte sie mitunter der Gesellschaft st�rkere Getr�nke mit. Sie starb ganz unvermittelt, an einem Herbstnachmittag in ihrem Schlafzimmer, aber nicht im Bett, sondern auf dem Holzstuhl am Fenster. Sie hatte den �Kr�ppel� für den Abend ins Kino eingeladen, und so war das M�dchen bei ihr, als sie starb. Sie war vierundsiebzig Jahre alt.

Ich habe eine Photographie von ihr gesehen, die sie auf dem Totenbett zeigt und die für die Kinder angefertigt worden war.

Man sieht ein winziges Gesichtchen mit vielen Falten und einen schmallippigen, aber breiten Mund. Viel Kleines, aber nichts Kleinliches. Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen.

aus: B. Brecht: Gesammelte Werke. Frankfurt 1967. Bd. 11 S. 315ff.

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