Wissen |
|---|
| Artikel |
|---|
|
"Im Unruhestand" - Über die 'neuen Alten' und den Abschied von der Untätigkeit
Die Computerzeitschrift c't, die sich vor allem dadurch auszeichnet, daß sie es vermag über den Tellerrand zu schauen, hat sich in einem Beitrag der Dezember/99-Ausgabe dem Thema der zukünftigen Rentner angenommen. Die Frage, was das Rentendasein mit Computern zu tun hat, erklärt dieser Artikel v.a. anhand amerikanischer Beispiele. Dabei geht es nicht primär um die Entdeckung des Internets durch Senioren, sondern um die Digitalisierung der Arbeitswelt. Der Autor G. S. Freyermuth spricht von der "digitalen" Revolution. Dieser Artikel stellt interessante Parallelen zwischen der industriellen Revolution, wie sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebt wurde und der jetzt stattfindenden "digitalen" Revolution heraus. Die Veränderung in der Arbeitswelt, bedingt durch die Fortentwicklung der digitalen und somit internetten Welt, revolutionieren den Ruhestand: betrachtet man diesen Terminus heute vielleicht noch im Sinne des Wortlautes "Ruhe" und "Stehenbleiben", so tritt statt dessen eine neue Form der nachberuflichen Phase in die Welt der Pensionäre: nämlich die Weiterführung, Wiederaufnahme oder Neuaufnahme der Arbeit.
Freyermuth stellt die wesentlichen Aspekte der Veränderung des Rentendaseins eindrucksvoll dar:
In diesem Artikel wird nicht nur die Forderung laut, Stereotype zu überprüfen und zu ändern, sondern Tendenzen und Prognosen aufgezeigt, wie das Alter sich in naher Zukunft gestalten wird. Der nachfolgende Text ist mir freundlicherweise von der c't-Redaktion zur Verfügung gestellt worden mit der Erlaubnis, ihn an dieser Stelle zu veröffentlichen. Er ist erschienen in der Ausgabe c't 25/99.
Gundolf S. FreyermuthIm UnruhestandDie `neuen Alten´ rufen die Langlebigkeitsrevolution ausDer Computer revolutioniert das Arbeitsleben über rein technische Konsequenzen hinaus. Die Digitalisierung sorgt für eine Verflüssigung der starren Lebensphasen und ermöglicht allen Generationen eine neue existenzielle Beweglichkeit. Der Abschied von der industriellen Rentner- und Ruhestandsmentalität steht an.Mike Lavers gründete Matrixcubed Internet Services vor drei Jahren. Damals war der Sohn eines Computerdienstleisters 14 und besaß bereits jahrelang Erfahrung als Programmierer. Heute betreut die Firma 200 Kunden und erzielt knapp eine Million Dollar Umsatz. Allzu ungewöhnlich ist Mikes frühes Arbeitsleben nicht. Die Mehrheit der amerikanischen Schüler und Studenten arbeitet. Teenager geben pro Jahr 140 Milliarden Dollar aus. Das Geld will verdient sein, und immer mehr Jugendliche verdingen sich nicht länger als schlecht bezahlte Babysitter oder Burger-Brater. Sie arbeiten als Hightech-Berater und Programmierer oder machen gar eigene Firmen auf; wie etwa die 15-jährige Internet-Verlegerin Jasmin Jordan, der gleich junge Austin Heap, Autor der interaktiven Musik-Sites PureNetworks und PureRadio, oder Angelo Sotira, der mit 16 Jahren Dimension Music ins Netz stellte. Das große Vorbild dieser Erfolgs-Kids ist Justin Frankel, der 19-jährig Nullsoft ins Leben rief und die Firma kürzlich für 400 Millionen Dollar an AOL verkaufte. Mike Lavers gedenkt, innerhalb der nächsten sechs Monate den Umsatz von Matrixcubed zu verzehnfachen. Nicht das qualifizierte ihn freilich für den Rummel, den er jüngst auslöste. In die Schlagzeilen brachte ihn sein Konflikt mit der Comdex-Leitung. Die Teilnahme an der größten Computermesse der Welt war für den 17-jährigen Mike und seinen 14-jährigen Bruder, den technischen Leiter von Matrixcubed, eine Voraussetzung weiteren geschäftlichen Erfolgs. Doch die Altersrestriktionen der Comdex orientieren sich an überkommenen Vorstellungen von Kindheit und Jugend: Menschen unter 18 Jahren arbeiten nicht, sie spielen und erhalten deshalb keinen Zutritt. Der Entrüstungssturm, den Mikes Schicksal weckte, ließ die Comdex-Leitung einlenken. Schließlich ist age discrimination, die Benachteiligung von Individuen auf Grund ihres Alters, in den USA genauso verboten wie Diskriminierung auf Grund von Geschlecht oder Rasse.
Industrielle Lebensphasen schwindenIn ihrer wachsenden Zahl künden die schulpflichtigen Internet-Unternehmer von einem Trend zur Auflösung der starren sozialen Rollen, die sich im Gefolge der industriellen Revolution durchgesetzt haben. In der Agrarwirtschaft der vorherigen Hochzivilisationen waren bürokratisch-gesetzliche Abtrennungen von Lebensphasen nach numerischem Alter unbekannt. Fließender Übergang bestimmte das Zusammenleben und -arbeiten aller Altersgruppen, ein organisches Hineinwachsen in Rollen, die allmähliche Übernahme und dann wieder Aufgabe von Verantwortungen. Die Industrialisierung trieb jedoch die Menschen aus ihren Häusern in die Fabriken. Sie trennte Lebens- und Arbeitsraum, zerriss Familien- und Dorfgemeinschaften und entflexibilisierte damit den Umgang der verschiedenen Lebensalter.Erst diese wahrhaft unmenschlichen, weil am Bedürfnis von primitiven Maschinen orientierten Produktionsbedingungen der industriellen Frühzeit ließen eine strikte Definition von Lebensabschnitten notwendig erscheinen. Um wenigstens die Schwächsten von der physisch wie psychisch kaum erträglichen Last industrieller Arbeit zu befreien, mussten Schutzzonen etabliert werden. Das Verbot der zuvor in allen Kulturen üblichen Kinderarbeit (in Preußen ab 1839) und die Einführung der allgemeinen Rentenversicherung (durch Bismarck 1889) gehören zu den sozialen Errungenschaften der Zeit. Kindheit und Rentenalter als abgezirkelte Lebensbereiche stellen insofern gelungene Anpassungsleistungen an die besonderen Verhältnisse der industriellen Epoche dar. Mit ihr freilich überleben sie sich; nun, da die Digitalisierung alle Lebensverhältnisse erfasst. Wie sich die schulpflichtigen Hightech-Unternehmer nicht in die Kindrolle fügen wollen, die unsere Zivilisation ihnen zugedacht hat, so auch immer weniger ihre Groß- und Urgroßeltern in die komplementäre Rolle von ruhig gestellten Greisen. Für jeden arbeitenden Teenager finden sich derweil Ausbrecher am anderen Ende der Alterspyramide. Besondere Aufmerksamkeit erregen natürlich prominente Alte - etwa Walter B. Wriston, einst Chef der Citicorp Bank und heute mit weit über 80 Jahren als Berater zahlreicher Hightech-Neugründungen tätig, der 92-jährige Architekt Philiph Johnson oder gar Senator Strong Thurmond, der mit 96 Jahren das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Clinton leitete. Außerordentliche Männer und Frauen wie sie gab es natürlich zu allen Zeiten; wie ja auch geigende oder Schach spielende `Wunderkinder´. Doch gleich den jugendlichen Unternehmern stellen die arbeitenden Alten keine seltenen Ausnahmen mehr dar. `Ich habe es 1990 mal mit dem Ruhestand probiert´, zitierte die Los Angeles Times jüngst Thomas Sahms, einen 73-jährigen Immobilienmakler: `Ich hatte wenig Talent dafür.´ Joseph A. Mintz, mit 81 Jahren als Versicherungsagent in Texas tätig, ist derselben Ansicht: `Es gibt viele Leute, die nicht in Rente gehen, weil sie nicht Golf spielen oder fischen oder weil sie nicht genug Geld für solche Vergnügungen haben. Sie können ja nicht ihre ganze Zeit vor dem Fernseher und mit Schundromanen verschwenden.´ James Russell Wiggins, seit 1922 im Berufsleben und heute mit 95 Jahren Redakteur einer Wochenzeitung in Maine, beklagt die Massenverrentung als Verschwendung von Talent und Ressourcen: `Wie kann eine Gesellschaft solchen Müßiggang unterstützen?´ Und Pulitzer-Preisträger Stanley Kunitz, mit 93 fest entschlossen, sich weder aus- noch abschalten zu lassen, erklärt Ruhestand schlicht zum `schmutzigen Wort´. Diese Beispiele als Sammelsurium widerspenstiger Einzelfälle abzutun verbietet die schiere Zahl der Menschen, die in anderen Teilen der Welt noch arbeiten oder gar neue Karrieren beginnen, nachdem sie ein Alter erreicht haben, das in den europäischen Wohlfahrtsstaaten statistisch zu Vorruhestand oder gesetzlich verordneter Pensionierung führt. Inzwischen bezieht die Hälfte aller EG-Bürger über 55 eine Rente - während die Beschäftigungszahlen just derselben Altersgruppe in den USA stärker als die aller anderen und sogar überproportional zum Anteil an der Gesamtbevölkerung wuchsen. Noch jeder zweite 60- bis 65-jährige Amerikaner steht im Berufsleben, ebenso jeder Dritte 65- bis 70-Jährige, jeder sechste der 70- bis 79-Jährigen. Und das nicht primär aus sozialer Not: Der Anteil an gut ausgebildeten und vergleichsweise wohlhabenden Personen unter den älteren Arbeitnehmern ist überdurchschnittlich hoch. Der offensichtlich freiwillige Trend zum Alter in Arbeit setzt sich in die neunte und zehnte Dekade ungebrochen fort. Die über 85-Jährigen sind Amerikas am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe, ihre Zahl wird sich in den nächsten zwei Jahrzehnten auf sieben Millionen Menschen verdoppeln. Und sogar von den 90- bis 100-Jährigen arbeiten heute bereits über 50 000 regelmäßig, darunter allein 1200 zugelassene Ärzte.
Lebensarbeitszeit wächstHelen Dennis, Altersforscherin an der University of California, interpretiert diese wachsende Minderheit von radikalen Ruhestandsgegnern und Pensionierungsverweigerern als soziale Avantgarde: `Was wir heute als außergewöhnlich ansehen, wird immer normaler werden.´ Auch Joseph F. Quin, Ökonom der Boston University, vermutet in der Verlängerung der Lebensarbeitszeit eine langfristige Trendwende - bei der die Hightech-Heimat dem Rest der Welt nur um ein paar Jahre voraus ist. Für beider Ansicht spricht, dass es in den USA keine offizielle Altersgrenze gibt und Zwangspensionierungen verboten sind. Die aktuellen statistischen Zahlen drücken insofern nicht primär Vorgaben staatlicher Politik aus, sondern recht unmittelbar die psychischen (und natürlich auch finanziellen) Bedürfnisse sowie physischen Fähigkeiten der Betroffenen. Sie offensichtlich lehnen, solange sie nur können, das Alte-Eisen-Schicksal ab, das in der industriellen Epoche all denen zugedacht war, die dem monoton-brutalen Arbeitsalltag nicht mehr standhielten.
Über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg, die Reifephase der Industrialisierung, sank das Rentenalter. 1950 setzte sich der durchschnittliche US-Erwerbstätige mit 67 Jahren zur Ruhe, Mitte der achtziger Jahre mit 60. Doch seitdem nimmt die Zahl der Arbeitsjahre auf auffällige Weise wieder zu. Diverse wissenschaftliche Studien sehen für die kommenden Jahrzehnte ein Ansteigen des statistischen Rentenalters auf mindestens 70 Jahre, für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts gar auf 80 Jahre voraus (bei weiter gestiegener Lebenserwartung). Mögen solche Langzeitprognosen auch wenig zuverlässig sein, ein Ende des Trends zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist nicht in Sicht. Jüngste Umfragen ergaben, dass die heute 35- bis 54-jährigen Amerikaner - die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge - mehr noch als die aktuellen Alten entschlossen sind, sich nicht in die Untätigkeit abschieben zu lassen. Zwischen 66 und 80 Prozent der jeweils Befragten gaben an, sie wollten über das 65. Lebensjahr hinaus ihren Beruf ausüben. Diese Aussagen zeugen von einer dramatischen Veränderung in der Einstellung zur Arbeit, die sich binnen nur eines einzigen Jahrzehnts vollzogen hat - Ende der achtziger Jahre ersehnte praktisch noch jeder Befragte, mit 55 `aufzuhören´. Eine Flut von verwunderten Artikeln, wissenschaftlichen Untersuchungen und programmatischen Büchern analysiert inzwischen diesen Willen, bis ins hohe Alter aktiv am Erwerbsleben teilzunehmen. Unübersehbar ist dabei der zeitliche Zusammenhang des Wandels mit der dritten industriellen Revolution, die in den USA so weit fortgeschritten ist wie nirgendwo sonst. Er legt es nahe, in der Digitalisierung einen, wenn nicht den Auslöser der plötzlichen Abkehr von den sozialen Verhaltensweisen zu sehen, die sich - im Unterschied zu früheren Phasen der Menschheitsgeschichte - während der vergangenen rund 200 Jahre herausbildeten. Es dürfte die erneute Veränderung der Arbeit selbst sein, das heraufziehende Ende ihrer industriellen Organisationsform und fremdbestimmten Gewalt, die auch die Einstellung zu ihr verändert.
Vom Industrie- zum WissensarbeiterIn einem Essay für das Magazin `Atlantic´ beschreibt der Sozialwissenschaftler und Management-Guru Peter F. Drucker - selbst ein Beispiel für aktives Altern, er veröffentlichte mit 90 Jahren gerade sein 31. Buch -, die auffälligen strukturellen Parallelen zwischen der ersten industriellen Revolution und den Veränderungen, deren Zeitgenossen wir heute sind. In beiden Fällen automatisierten technische Basiserfindungen - die Dampfmaschine, der Computer - zunächst existierende Produktionsabläufe. Jeweils vier bis fünf Jahrzehnte später, nachdem zwei Generationen gelernt hatten, mit der jeweiligen Innovation umzugehen, entwickelten sich dann in einer zweiten Phase gänzlich neue Anwendungen: im historischen Fall Eisenbahn und Fernverkehr; in der Gegenwart Internet und E-Commerce. Sie veränderten jeweils radikal die Art und Weise, wie Geschäfte getätigt wurden, und lösten so einen außergewöhnlichen Wirtschaftsboom aus.Nicht weniger nachhaltig sind jedoch die sozialen Konsequenzen technischer Umbruchsperioden. Die Industrialisierung gebar zugleich mit den neuen Arbeitsverhältnissen neue Sozialcharaktere mit je eigenen Mentalitäten, Denk- und Arbeitsweisen: Unternehmer, Arbeiter, Techniker, Bürokraten. Diese `neuen Menschen´ prägten Kultur und Konflikte der kommenden Epoche. Bei aller Verschiedenheit waren den Zeitgenossen der Industrialisierung aber auch zentrale Erfahrungen gemeinsam - der Alltag in den boomenden Großstädten mit ihren nie gekannten Menschenmassen, Massentransportmitteln, Massenbürokratien und Massenvergnügungen, ebenso ein von Eisenbahn und Telegraf bestimmtes neues Verständnis geografischer Räume, dazu die Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsplatz, die immer arbeitsteiligere Anlage der meisten Berufe und so weiter. Das alles führte zur Ausbildung einer industriellen Lebensform, die sich nachhaltig vom 18. Jahrhundert und seinen Verhaltens- und Denkformen unterschied.
Ähnlich radikale zivilisatorische Umwälzungen erleben wir nun im Gefolge des Computers und des Internet, darauf deuten nicht nur die Parallelen im phasenartigen Verlauf von Industrialisierung und Digitalisierung. Niemand natürlich kann die digitale Zukunft im Detail vorhersagen. Der historische Vergleich weist allerdings im Verein mit aktuellen statistischen Werten auf einige Entwicklungstendenzen. Im Falle der industriellen Revolution prägte der Sozialtypus des Lohnarbeiters die Epoche - ein als Einzelperson unbedeutendes, fremdbestimmtes Glied im mechanischen Produktionsprozess, dem das Ergebnis seiner Arbeit und damit diese selbst fremd bleiben musste. Lange bevor Arbeiter zahlenmäßig die Mehrheit gewannen, schreibt Drucker, wurden sie zur ideologisch zentralen Klasse. Denn ihr Schicksal verkörperte gewissermaßen, was die Industrialisierung der gesamten Menschheit antat. An den Verhältnissen und Bedürfnissen der Industriearbeiterschaft orientierte sich daher die Arbeits- und Sozialgesetzgebung und in der Konsequenz auch das durch staatliche Vorgaben gesteuerte Verhalten von Angehörigen vieler anderer Berufe und sozialer Schichten.
Neue Arbeit, neues AlterMit der Digitalisierung verliert die Industriearbeiterschaft nun diese dominierende Rolle; im statistischen wie ideologischen Sinne. Ins imaginäre Zentrum unserer Zeit rückt eine neue Schicht von Arbeitern. Drucker nennt sie knowledge worker, Wissensarbeiter. Ihre Tätigkeiten haben mit industrieller Handlangerei nichts mehr zu tun. Die Wissensarbeiter als zentrale Schicht der Digitalisierung - Programmierer, IT-Techniker, Webdesigner, Hightech-Dienstleister und andere - sind nicht Befehlsempfänger, sondern hoch qualifizierte, weitgehend autonom entscheidende Mitarbeiter. Ihre Ausbildung und ihr Einsatz ähneln denen von traditionell akademischen und selbstständigen Berufen wie Ärzten oder Anwälten und in vielerlei Hinsicht auch denen von Musikern, Malern und anderen Künstlern. Wie Anfang des 19. Jahrhunderts der Industriearbeiter beginnen diese Wissensarbeiter als historisch aufstrebende Schicht unsere Epoche weit über das Maß ihrer reinen Zahl hinaus zu prägen. Ihr Weltbild färbt gewissermaßen auf den Rest der arbeitenden Menschheit ab.Gegenwärtig lässt sich so das Entstehen eines neuen Sozialcharakters beobachten. Ihn prägt die Erfahrung, dass sich eine vollständige Trennung zwischen (Privat-)Leben und Arbeit, zwischen der Weise, wie einer sein Geld verdient, und dem, was er als Privatperson sein will, schlicht nicht durchhalten lässt. Die Vorstellung, man könne seinen Beruf in 30, 35 oder 40 Wochenstunden einsperren, wie es Industriearbeitern und anderen entfremdet Tätigen möglich war und ist, wird unter digitalen, von angeeigneten Informationen bestimmten Bedingungen zunehmend absurd. Wissen muss nicht nur stets neu erworben und aufgefrischt werden; es muss, um effektiv einsetzbar zu sein, integraler Teil der Persönlichkeit werden. Was dem Einzelnen aber nicht mehr äußerlich und fremd gegenübersteht, kann er kaum auf Knopfdruck an- und abschalten - weder zu bestimmten Uhrzeiten noch mit Beginn irgendeines beliebigen Lebensjahres. Die Digitalisierung hebt damit nicht nur tendenziell die Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsplatz auf, sie bringt auch massenhaft den mit der industriellen Produktion verloren gegangenen Zusammenhang zwischen Leben und Beruf zurück. Von einer fremdbestimmten Last wandelt sich Arbeit zu einem wesentlichen und befriedigenden Element der eigenen Existenz. Wie ein Bauer stets rund um die Uhr und sein Leben lang Bauer blieb oder wie Schachgroßmeister und Forscher das Denken nicht um 17 Uhr einstellen, so wird der Alltag digitaler Wissensarbeiter von ihrer Arbeit und der steten Notwendigkeit zu geistiger Beweglichkeit erfüllt. Neue Erwartungen an die eigene Biografie formen sich dabei. Die letzten Jahre wie die Kleinkinder primär unter Gleichaltrigen vor dem Fernsehen, mit Spielchen, Bastelarbeiten oder dem Jammern über körperliche Beschwerden zu verplempern scheint weniger verlockend. Die wachsende Minderheit arbeitender Alter von heute, wesentlich Angehörige von Wissensberufen, stellt insofern eine historische Vorhut dar. Ohne Arbeit, meint etwa Dr. James R. Dumpson, ein viel beschäftigter Gutachter, `säße ich nur zu Hause rum und überlegte, was mir heute gerade wehtut und welche Medizin ich dagegen nehmen könnte.´ Die Konsequenz des 90-Jährigen: `Ruhestand steht nicht in meinem Terminkalender.´ Eine solch weit gehende Integration der beruflichen in die private Existenz ist natürlich nur möglich und erträglich, weil sich in der digitalen Epoche der Charakter der Arbeit selbst verändert. Fremdbestimmung und Zermürbung durch unflexible Maschinensysteme, symbolisiert im Fließband; das Eingesperrtsein in autoritär-bürokratische Befehlshierarchien, verkörpert in der lebenslänglichen Festanstellung; dazu die Trennung von Lebens- und Arbeitsraum: Das alles nähert sich seinem historischen Ende. Die Vernichtung industrieller Arbeitsplätze, von vielen mit dem Verschwinden von Arbeit selbst verwechselt, verändert das Arbeitsleben. In den USA etwa gingen in den 500 größten Konzernen seit 1980 fünf Millionen Arbeitsplätze verloren - während in Kleinfirmen 34 Millionen neue Jobs entstanden. Die Mehrzahl dieser neuen Tätigkeiten unterscheidet sich freilich so dramatisch von industrieller Arbeit, dass nicht einmal mehr die Bezeichnung `Arbeitsplatz´ auf sie zutrifft. Der 1999er `California Work and Health Survey´ dokumentierte im amerikanischen Westen eine radikale Reorganisation des Arbeitslebens. Nur ein Drittel aller Erwerbstätigen in Silicon Valley und Umgebung ist noch fest angestellt. 40 Prozent wechselten während der vergangenen drei Jahre wenigstens einmal den Arbeitgeber, ein Viertel arbeitet lediglich saisonal, 12 Prozent halten mehrere Jobs, acht Prozent verdienen ihr Geld komplett aus dem eigenen Heim. `Wir haben alle geglaubt, dass wir auf dem Weg zu dieser Sorte von Wandel waren´, kommentiert Ed Yelin von der University of California die Überraschung der Experten. `Aber aus den Daten wird nun klar, dass wir bereits bei den neuen Verhältnissen angekommen sind.´ Bürokratische Befehls- und Gehorsamsstrukturen, wie sie in den großen industriellen Apparaten dominierten, werden in der Wissensökonomie durch Mobilität und eigenständiges, kreatives Handeln abgelöst. Jeder wandelt sich, wie Ulrich Beck es als Leitbild formulierte, zum `Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge´. Der Geldberuf kann unter diesen Bedingungen werden, was er in der industriellen Epoche außerhalb von privilegierten Nischen kaum war: Quelle von Befriedigung und Lebenssinn. Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, desto weniger vermag den Menschen daher das heute typische Rentnerdasein als segensreiche Erlösung erscheinen. Am Ruhestand tritt vielmehr der Stillstand hervor - als Schreckensbild. Die (Früh-)Rentner von heute dürften insofern eine Spezies sein, die zusammen mit anderen industriellen Erscheinungen ausstirbt; zum Guten jedes Einzelnen und zum Besseren der Volkswirtschaften.
Von analoger Stagnation zum digitalen WachstumDas 21. Jahrhundert wird die erste historische Epoche sein, in der die Alterspyramide auf dem Kopf steht. Während 95 Prozent der Menschheitsgeschichte erlebte das durchschnittliche Individuum sein 18. Lebensjahr nicht. Allenfalls drei Prozent wurden bis zur industriellen Revolution 65, und noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung erheblich unter 50 Jahren. Insofern war Bismarcks Sozialrente nicht als Breitenleistung angelegt, sondern als humanitäre Offerte an eine Minderheit von Bedürftigen. Von der Ausnahme ist der Ruhestand jedoch längst zur Norm geworden. Anfang dieses Jahrhunderts waren lediglich drei Millionen Amerikaner über 65, heute sind es 33 Millionen, 2035 wird die Zahl auf 70 Millionen gestiegen sein. In Deutschland wird 2006 jeder Fünfte über 65 Jahre alt sein, in den USA 2023. Der Zeitpunkt ist absehbar, zu dem mehr Großeltern als Enkel leben. Die technische Revolution der Digitalisierung wird so von einer sozialen Langlebigkeitsrevolution begleitet.
Dass eine statistisch relevante Minderheit oder gar Mehrheit von Menschen, die im Prinzip in der Lage wäre, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen, sich von dem Rest der Bevölkerung auf Dauer alimentieren lässt, ist allerdings unter demokratischen Verhältnissen schwer vorstellbar. Paul Wallace beschreibt in `Age Quake´ (1999) die drohenden Konsequenzen als ein von der Alterswelle ausgelöstes soziales Beben. Auch Peter Peterson, in jüngeren Jahren Vorstandsvorsitzender der Investmentbank Lehman Bros., warnt in seinem Buch `Gray Dawn´ (1999) davor, auf die globale Überalterung weiterhin mit Rezepten der industriellen Epoche zu reagieren: `Wir stehen vor demographischen Veränderungen, die so substanziell sind, dass sie im Laufe der nächsten Generation die ökonomischen und politischen Systeme der entwickelten Länder umdefinieren könnten.´ Noch 1960 arbeitete der durchschnittliche Mann in den entwickelten Länden von seinen 68 Lebensjahren 50. Heute lebt er 76 und arbeitet nur mehr 38. Dieses Ergebnis einer anachronistischen Arbeitsmarktpolitik wird rapide unbezahlbar. Mag die Mehrheit noch den Ruhestand, eine soziale Einrichtung, die gerade einmal 100 Jahre alt ist, für ein selbstverständliches Menschenrecht halten, das in immer jüngeren Jahren genossen werden sollte - bei den meisten Experten wächst die Einsicht, dass hier eine Fehlentwicklung zu korrigieren ist: `Unsere aktuellen Rentenprogramme, die als menschliche Anstrengung begannen, alten Menschen zu helfen, die nicht mehr arbeiten konnten und unabänderlich abhängig waren, ermuntern sie nun, mit dem Arbeiten aufzuhören, obwohl sie es noch könnten´, schreibt Robert J. Samuelson, Autor von `The Good Life and Its Discontents: The American Dream in the Age of Entitlement´. Und die Wirtschaftswissenschaftlerin Dora L. Costa resümiert in ihrer Studie `The Evolution of Retirement: An American Economic History, 1880-1990´: `Die Ruheständler sind zur wahren leisured class geworden´, zu einer Klasse von Leuten also, die sich zu fein zur Arbeit sind. Wie die Statistiken freilich zeigen, ist die ökonomische Passivität dieser postmodernen leisured class nicht unbedingt gewollt. Die immer frühere und ökonomisch ruinöse Verrentung stellt weitgehend das Ergebnis von Zwangsmaßnahmen gegen die Betroffenen selbst dar. Gerade in den europäischen Wohlfahrtsstaaten werden Menschen über 50 durch staatliche Vorgaben in die Untätigkeit gedrängt. Hinzu kommt ein enges Netz von Vorschriften, das den gleichzeitigen Bezug von Renten- und Arbeitseinkommen verbietet oder steuerlich bestraft. Auf sehr ähnliche Weise, wie der Start von Jungunternehmern behindert wird, machen es so staatliche Regelungen im Verein mit gewerkschaftlichen Abkommen, beides Relikte der industriellen Epoche, älteren Arbeitnehmern fast unmöglich, wenigstens teilzeitlich oder saisonal weiterzuarbeiten. Der vermeintlich fürsorgliche Umgang mit den Alten zeigt sich so als undemokratisch und von obrigkeitsstaatlichem Denken bestimmt. Denn Hunderttausenden wird ab einem bestimmten Alter die Freiheit genommen, ihren Lebensstil selbst zu bestimmen. Der britische Economist forderte daher jüngst: `Lasst die alten Leute arbeiten´ und nannte die existierenden Sozialstaatszwänge ein `perverses öffentliches Vorgehen´: `Alte Leute zu verfrühtem Ruhestand zu zwingen ist sowohl illiberal wie idiotisch.´ Letzteres, weil hinter der repressiven Vergoldung der Frührente in Ländern wie Frankreich und Deutschland ein Denken steht, das die meisten angelsächsischen Experten für ökonomischen Analphabetismus halten: eine von bürokratischer Mentalität gezeichnete Mengentheorie der Arbeit. Deren Anhänger scheinen allen Ernstes zu glauben, es gäbe ein festes, vorgegebenes Volumen an möglichen Tätigkeiten, das sich nun verteilend verwalten ließe. Zu diesem Zwecke soll dann nicht nur die Wochenarbeitszeit verringert werden - in Frankreich schickt man gar die Polizei, um zu kontrollieren, dass selbst Manager nicht zu lang am Schreibtisch sitzen; zu diesem Zwecke will man auch Älteren die Arbeit nehmen, um sie Jüngeren zu geben. Das beste Beispiel für den Unsinn solcher Anstrengungen - weil das zu historischen Zeiten mögliche Arbeitsvolumen eben keine feste Menge darstellt, sondern mit jeder technischen Innovation potenziell wächst - bietet gegenwärtig die entschiedene Nutzung von Computer und Internet in den USA. Sie produziert Wachstum, Arbeit und Wohlstand in einem nie gekannten Maße. Sowohl die Produktivität pro Arbeitnehmer als auch die Arbeitszeit sind hier mit jährlich 2000 Stunden am höchsten - in Deutschland arbeitet man 20 Prozent weniger, lediglich 1600 Stunden. Gleichzeitig liegt die amerikanische Arbeitslosigkeit bei nur 4,1 Prozent - und das nicht, weil durch staatliche Eingriffe oder Tarifvereinbarungen vorhandene Arbeitsplätze `erhalten´ worden wären, sondern im Gegenteil, weil der Staat die kreative Zerstörung der industriellen Strukturen nicht behindert hat.
Der bedrohliche Arbeitsmangel in den europäischen Wohlfahrtsstaaten ist daher hausgemacht, mit viel Anstrengung und gegen den historischen Trend. Er ist das Resultat einer auf Umverteilung des Vorhandenen statt auf neues Wachstum ausgerichteten Wirtschaftspolitik. Dieselbe Mentalität, die den Mangel produziert, muss dann natürlich jenes Wachstum, das sie nicht kontrollieren kann - die Zunahme an alten Menschen - als Bedrohung empfinden, als Gefährdung der Sozialstaatszukunft. Unschwer erinnert solch wirtschaftliches Denken an die Vorurteile früherer, stagnativer Epochen; etwa an John Malthus´ berühmten `Essay on the Principle of Population´ (1798) mit seiner Warnung vor einer kommenden Bevölkerungskatastrophe, weil die Menschheit schneller wachse, als Nahrung produziert werden könnte. Malthus´ Prognose lag bekanntlich daneben, weil er das Wachstum nicht vorhersah, das die Industrialisierung der Landwirtschaft brachte. Heute erzeugen zum Beispiel in den USA die drei Prozent der Bevölkerung, die noch in der Landwirtschaft tätig sind, weitaus mehr Lebensmittel als vor 100 Jahren die 80 Prozent aller Amerikaner, die Farmberufe ausübten. Genauso wenig aber wie der gewaltige Bevölkerungszuwachs während des 19. und 20. Jahrhunderts in Europa ein unüberwindliches Ernährungsproblem bot, muss auch der künftige Zuwachs an älteren Menschen eine ökonomische oder soziale Krise auslösen. Hohes Alter als Massenerscheinung ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Im 21. müssen daraus die sozialen Konsequenzen gezogen werden - und dank der digitalen Revolution können es positive sein. Das Alter, unter industriellen Bedingungen zu wenig gut, wandelt sich zu einer Chance, für das Individuum wie für die Gesellschaft. Dazu trägt wesentlich der simple Umstand bei, dass die meisten, die gegenwärtig nach Lebensjahren als alt gelten, es physisch wie geistig keineswegs sind. Jeder Vergleich von Familienfotos zeigt es: Die 60-Jährigen von heute wirken jünger als ihre Eltern einst mit 50. Und sie sind es auch, wie die Gesundheitsdaten beweisen. Neun von zehn Menschen zwischen 65 und 74 leben ohne jede physische Behinderung. Der OECD-Report `Maintaining Prosperity in an Ageing Society´ legt dar, dass bis ins achte Lebensjahrzehnt hinein die Gesundheitsunterschiede zwischen den Altersgruppen gering sind. Wie in allen Lebensaltern gibt es Gesunde und Kranke, der gesunde 70-Jährige ist jedoch in der Regel kaum weniger leistungsfähig als der gesunde 55-Jährige. Die Konsequenz, die der Report zieht: Eine biologische Basis für einen generellen Ruhestand zwischen 60 und 70 existiert nicht (mehr).
Die Silicon-Valley-AltenDie Fortschritte, die unsere Spezies gemacht hat, erfordern eine Umdefinition der Lebensalter: Die Jugend reicht heute bis weit in das vierte Lebensjahrzehnt, das mittlere Alter bis in das siebte Jahrzehnt. Erst dann kommt es generell zu biologischen Abnutzungserscheinungen, die früher in der Regel zwischen 50 und 60 auftraten. Die stete Reduzierung der Lebensarbeitszeit, die aus Verhältnissen rührte, deren Ende erreicht oder zumindest absehbar ist, kann daher rückgängig gemacht werden. In der Vergangenheit haben die Volkswirtschaften eine Vielzahl sozialer Gruppen integriert, die zuvor von Erwerbstätigkeit weitgehend ausgeschlossen waren, etwa Frauen und Behinderte. Jetzt steht eine ähnliche Integrationsleistung für ältere Menschen an. Denn der abrupte Übergang in den Ruhestand macht keinen Sinn mehr. Das Alter als Lebens- und Arbeitsform muss neu erfunden werden - und das nicht zuletzt, weil ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften absehbar ist; gerade in den digitalen Wachstumsbranchen.In den USA ist bereits ein gutes Drittel der Arbeitskräfte, die über Zeitagenturen vermittelt werden, 50 und mehr Jahre alt. Untersuchungen zeigen, dass sich ältere Menschen nicht schwerer für neue Aufgaben anlernen lassen als Teenager, dann jedoch eher zuverlässiger arbeiten. Die über 55-Jährigen zählen ohnehin zu den stärksten Computernutzern, sie verbringen mehr Zeit online als jede andere Altersgruppe. Ihre Umschulung auf Hightech-Berufe bietet sich an - und findet verstärkt statt. Internet-Ausbildungszentren wie ThirdAge.com machen daraus ein erfolgreiches Geschäft. `Das ist das Besondere an Computern´, zitiert `Business Week´ die 62-jährige Ex-Sekretärin und Selfmade-Webmasterin Sonia Brock: `Es ist denen egal, wie alt du bist.´ Das Potenzial für die noch erheblich `älteren´ und von Nachwuchsproblemen geplagten europäischen Nationen liegt auf der Hand. In Deutschland wird die Bevölkerung in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts um 10 Prozent sinken, in Italien um gar 25 Prozent. Schon heute sind in den IT-Branchen kaum Kräfte zu finden. In einer solchen Situation Hunderttausende von 50- bis 70-Jährigen gezielt zu Mündeln des Wohlfahrtsstaates zu machen ist ein ökonomischer Wahnsinn, der sich nur als anachronistische Fortschreibung überkommener Gewissheiten verstehen lässt. Industrielle Arbeit brannte die Menschen aus, verwandelte sie in `altes Eisen´. Berufserfahrung, das über ein Leben angesammelte Wissen, wie es in der Menschheitsgeschichte zuvor einen unschätzbaren Wert darstellte, bedeutete unter diesen Bedingungen schon allein deshalb wenig, weil sich weder am Fließband noch bei üblichen Verwaltungstätigkeiten zukunftsträchtige Erfahrungen machen ließen. Wissensarbeiter hingegen akkumulieren verwertbare Fähigkeiten. Informationen mögen veralten, nicht aber das strukturelle Können, sie zu finden, auszuwerten und zu Problemlösungen aufzuarbeiten. Erfahrene Wissensarbeiter haben wie einst die vorindustriellen Alten etwas weiterzugeben; die nachfolgenden Generationen können von ihnen lernen. Die Welle der Pensionierungen, die mit den geburtenstarken Jahrgängen heranrollt, verglich Business Week daher mit der Gefahr eines `Brain Drain´: dem Verlust an Erfahrungswissen, an Firmengeschichte. Während bis vor kurzem stets ältere Mitarbeiter zuerst entlassen wurden, fürchtet man nun in Konzernen wie DaimlerChrysler oder Chevron den Massenabgang von Kräften, deren Erfahrung sich auf die Schnelle kaum ersetzen lässt - zumal sich die Jobs für qualifizierte Angestellte bis 2010 um 21 Prozent vermehren werden, während die Zahl der Menschen zwischen 35 und 50, die für sie in Frage kämen, um fünf Prozent fallen wird. Unter dem größten Mangel an Berufserfahrung leiden gegenwärtig Tausende junger Hightech-Firmen in Silicon Valley und Umgebung. Ihre Gründer mögen wissenschaftlich und technisch auf dem letzten Stand sein, allein ihnen fehlt die Geschäftserfahrung. Es ist daher zur üblichen Praxis unter Venture-Kapitalisten geworden, den Jungunternehmern jene älteren Manager zur Seite zu stellen, die im Zuge des Personalabbaus in den traditionellen Branchen freigesetzt wurden. Ex-Geschäftsführer von Flug- und Telefongesellschaften, Ex-Finanzchefs von Banken oder Autokonzernen, auch pensionierte Generäle und Admiräle - zu Hunderten helfen Männer und Frauen zwischen 50 und 80 beim Aufbau von Hightech-Startups. `Das stellt eine enorme Gelegenheit für kleinere Firmen dar, diese verschwendeten Ressourcen der Konzerne zu nutzen´, sagt Thomas J. Neff von der Personalberatungsfirma Spencer Stuart. Auch Roger M. Kenny, Unternehmensberater bei Boardroom Consultants, hält `reifere Manager als Mentor für jüngere CEOs für ideal´. Bestätigt wird diese Ansicht von einer Studie der Warwick University: Während in Großbritannien nur 19 Prozent der Neugründungen überleben, schaffen es aber 70 Prozent der Firmen, die von Leuten geleitet werden, die 55 Jahre und älter sind.
Alter in der digitalen EpocheDiese wichtige Rolle, die erfahrene Wissensarbeiter an der vordersten Front der digitalen Revolution spielen, weist auf die kommende Bedeutung der `neuen Alten´ voraus, wie sie der Psychologe und Gerontologe Ken Dychtwald in `Age Power: How the 21st Century Will Be Ruled by the New Old´ (1999) entwirft. Für seine These einer kulturellen Dominanz spricht allein die schiere Zahl der alternden Babyboomer. In den USA werden die 76 Millionen Menschen, die zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und Pillenknick geboren wurden, in den nächsten Jahren das traditionelle Rentenalter erreichen - in relativen wie absoluten Zahlen die größte Gruppe von Alten in der Geschichte des Landes.
Es ist dieselbe Gruppe von Menschen, die in den sechziger Jahren Jugendkult und sexuelle Revolution und in den siebziger Jahren die Computerrevolution trug. Der kalifornische Historiker Theodore Roszak, der 1969 mit seiner Studie `The Making of a Counter Culture: Reflections on the Technocratic Society and Its Youthful Opposition´ den Begriff `Gegenkultur´ prägte, sieht nun - selbst 65 Jahre alt - wieder eine Revolution von seiner Generation ausgehen: die Langlebigkeitsrevolution. `Noch nie gab es in der menschlichen Geschichte eine Gesellschaft, die sich aus mehr Menschen über als unter 50 zusammensetzte´, schreibt er in `America the Wise: The Longevity Revolution and the True Wealth of Nations´ (1999). `Dieses Ereignis markiert eine langfristige Wende zum Alter, die nicht umkehrbar ist; wir gehen in Richtung einer permanenten Dominanz der Älteren in unserem politischen, kulturellen und sozialen Leben.´ Die Massen-Alterung der Gesellschaft versteht er als Chance für einen sozialen Wandel. Er könnte die Überwindung des industriellen Erbes bewirken und Alter von einer finalen Beschädigung der menschlichen Existenz umwerten zu einer neuen Chance, `einer kulturellen und spirituellen Ressource, die durch Fortschritte in der öffentlichen Gesundheitsfürsorge und medizinischen Wissenschaft vom Tod zurückgewonnen wurde, wie die Holländer fruchtbares Land aus der Weite des Meeres zurückgewinnen´. Notwendig für die Überwindung der industriellen Ressentiments gegen das Alter, meint Roszak, sei ein Kampf für Gleichberechtigung, eine neue Bürgerrechtsbewegung, diesmal nicht gegen Rassen-, sondern gegen Altersdiskriminierung. Derselben Ansicht ist Ken Dychtwald: `Ältere Menschen werden in unserer Kultur aggressiv und andauernd am Arbeitsplatz diskriminiert.´ Auch Peter Peterson vergleicht racism mit ageism: `Ein komplettes Stereotyp muss rückgängig gemacht werden, zusammen mit den institutionellen Regeln und Denkgewohnheiten, die es am Leben erhalten.´ Beim Aufbrechen dieser verkrusteten Strukturen, das zeigen die Erfahrungen in vielen jungen Hightech-Firmen, kommt es in den USA zum Schulterschluss zwischen der Großeltern- und Enkelgeneration - den beiden Altersgruppen, die nach den Gewohnheiten der indust-riellen Epoche vom ökonomischen Leben ausgeschlossen werden sollen. Die Jungen hält es immer weniger in einem Schul- und Ausbildungssystem, das nach dem Prinzip der Fabrik Monotonie und überholte Standards verbreitet, und die Alten verlangt es schlicht nach dem Gegenteil des überkommenen Rentnerdaseins - nach einem neuen Unruhestand. (ae) Der Beitrag gibt die Meinung des Verfassers, nicht der Redaktion wieder.
Veröffentlichung und Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Verlags Heinz Heise GmbH & Co KG |


















