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"Im Unruhestand" -
Über die 'neuen Alten' und den Abschied von der Untätigkeit
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Die Computerzeitschrift c't, die sich vor allem dadurch auszeichnet, daß sie es vermag über den Tellerrand zu schauen, hat sich in einem Beitrag der Dezember/99-Ausgabe dem Thema der zukünftigen Rentner angenommen. Die Frage, was das Rentendasein mit Computern zu tun hat, erklärt dieser Artikel v.a. anhand amerikanischer Beispiele. Dabei geht es nicht primär um die Entdeckung des Internets durch Senioren, sondern um die Digitalisierung der Arbeitswelt. Der Autor G. S. Freyermuth spricht von der "digitalen" Revolution.

Dieser Artikel stellt interessante Parallelen zwischen der industriellen Revolution, wie sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebt wurde und der jetzt stattfindenden "digitalen" Revolution heraus. Die Ver�nderung in der Arbeitswelt, bedingt durch die Fortentwicklung der digitalen und somit internetten Welt, revolutionieren den Ruhestand: betrachtet man diesen Terminus heute vielleicht noch im Sinne des Wortlautes "Ruhe" und "Stehenbleiben", so tritt statt dessen eine neue Form der nachberuflichen Phase in die Welt der Pension�re: n�mlich die Weiterf�hrung, Wiederaufnahme oder Neuaufnahme der Arbeit.

Freyermuth stellt die wesentlichen Aspekte der Veränderung des Rentendaseins eindrucksvoll dar:

  • die Auflösung der industriell geprägten Lebensstrukturen
  • die Nicht-Akzeptanz der Arbeitsaufgabe mit der Pensionierung
  • den Wandel vom fremd- zum selbstbestimmten Arbeiten
  • den Einfluß der Digitalisierung auf das Selbstbild und den Lebenssinn
  • die demographische Altersentwicklung im Sinne "hohes Alter als Massenerscheinung"
  • Neudefinition des Alters als Lebens- und Arbeitsform
  • In diesem Artikel wird nicht nur die Forderung laut, Stereotype zu überprüfen und zu ändern, sondern Tendenzen und Prognosen aufgezeigt, wie das Alter sich in naher Zukunft gestalten wird.

    Der nachfolgende Text ist mir freundlicherweise von der c't-Redaktion zur Verfügung gestellt worden mit der Erlaubnis, ihn an dieser Stelle zu veröffentlichen. Er ist erschienen in der Ausgabe c't 25/99.


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    Gundolf S. Freyermuth

    Im Unruhestand

    Die `neuen Alten� rufen die Langlebigkeitsrevolution aus

    Der Computer revolutioniert das Arbeitsleben über rein technische Konsequenzen hinaus. Die Digitalisierung sorgt für eine Verfl�ssigung der starren Lebensphasen und ermöglicht allen Generationen eine neue existenzielle Beweglichkeit. Der Abschied von der industriellen Rentner- und Ruhestandsmentalit�t steht an.

    Mike Lavers Gründete Matrixcubed Internet Services vor drei Jahren. Damals war der Sohn eines Computerdienstleisters 14 und besa� bereits jahrelang Erfahrung als Programmierer. Heute betreut die Firma 200 Kunden und erzielt knapp eine Million Dollar Umsatz. Allzu ungew�hnlich ist Mikes fr�hes Arbeitsleben nicht. Die Mehrheit der amerikanischen Sch�ler und Studenten arbeitet. Teenager geben pro Jahr 140 Milliarden Dollar aus. Das Geld will verdient sein, und immer mehr Jugendliche verdingen sich nicht länger als schlecht bezahlte Babysitter oder Burger-Brater. Sie arbeiten als Hightech-Berater und Programmierer oder machen gar eigene Firmen auf; wie etwa die 15-j�hrige Internet-Verlegerin Jasmin Jordan, der gleich junge Austin Heap, Autor der interaktiven Musik-Sites PureNetworks und PureRadio, oder Angelo Sotira, der mit 16 Jahren Dimension Music ins Netz stellte. Das gro�e Vorbild dieser Erfolgs-Kids ist Justin Frankel, der 19-j�hrig Nullsoft ins Leben rief und die Firma k�rzlich für 400 Millionen Dollar an AOL verkaufte.

    Mike Lavers gedenkt, innerhalb der n�chsten sechs Monate den Umsatz von Matrixcubed zu verzehnfachen. Nicht das qualifizierte ihn freilich für den Rummel, den er j�ngst ausl�ste. In die Schlagzeilen brachte ihn sein Konflikt mit der Comdex-Leitung. Die Teilnahme an der gr��ten Computermesse der Welt war für den 17-j�hrigen Mike und seinen 14-j�hrigen Bruder, den technischen Leiter von Matrixcubed, eine Voraussetzung weiteren gesch�ftlichen Erfolgs. Doch die Altersrestriktionen der Comdex orientieren sich an überkommenen Vorstellungen von Kindheit und Jugend: Menschen unter 18 Jahren arbeiten nicht, sie spielen und erhalten deshalb keinen Zutritt. Der Entr�stungssturm, den Mikes Schicksal weckte, lie� die Comdex-Leitung einlenken. Schlie�lich ist age discrimination, die Benachteiligung von Individuen auf Grund ihres Alters, in den USA genauso verboten wie Diskriminierung auf Grund von Geschlecht oder Rasse.

    Industrielle Lebensphasen schwinden

    In ihrer wachsenden Zahl k�nden die schulpflichtigen Internet-Unternehmer von einem Trend zur Aufl�sung der starren sozialen Rollen, die sich im Gefolge der industriellen Revolution durchgesetzt haben. In der Agrarwirtschaft der vorherigen Hochzivilisationen waren b�rokratisch-gesetzliche Abtrennungen von Lebensphasen nach numerischem Alter unbekannt. Flie�ender übergang bestimmte das Zusammenleben und -arbeiten aller Altersgruppen, ein organisches Hineinwachsen in Rollen, die allm�hliche übernahme und dann wieder Aufgabe von Verantwortungen. Die Industrialisierung trieb jedoch die Menschen aus ihren H�usern in die Fabriken. Sie trennte Lebens- und Arbeitsraum, zerriss Familien- und Dorfgemeinschaften und entflexibilisierte damit den Umgang der verschiedenen Lebensalter.

    Erst diese wahrhaft unmenschlichen, weil am Bed�rfnis von primitiven Maschinen orientierten Produktionsbedingungen der industriellen Fr�hzeit lie�en eine strikte Definition von Lebensabschnitten notwendig erscheinen. Um wenigstens die Schw�chsten von der physisch wie psychisch kaum ertr�glichen Last industrieller Arbeit zu befreien, mussten Schutzzonen etabliert werden. Das Verbot der zuvor in allen Kulturen �blichen Kinderarbeit (in Preu�en ab 1839) und die Einf�hrung der allgemeinen Rentenversicherung (durch Bismarck 1889) geh�ren zu den sozialen Errungenschaften der Zeit. Kindheit und Rentenalter als abgezirkelte Lebensbereiche stellen insofern gelungene Anpassungsleistungen an die besonderen Verh�ltnisse der industriellen Epoche dar.

    Mit ihr freilich überleben sie sich; nun, da die Digitalisierung alle Lebensverh�ltnisse erfasst. Wie sich die schulpflichtigen Hightech-Unternehmer nicht in die Kindrolle f�gen wollen, die unsere Zivilisation ihnen zugedacht hat, so auch immer weniger ihre Gro�- und Urgro�eltern in die komplement�re Rolle von ruhig gestellten Greisen. für jeden arbeitenden Teenager finden sich derweil Ausbrecher am anderen Ende der Alterspyramide. Besondere Aufmerksamkeit erregen nat�rlich prominente Alte - etwa Walter B. Wriston, einst Chef der Citicorp Bank und heute mit weit über 80 Jahren als Berater zahlreicher Hightech-Neugr�ndungen t�tig, der 92-j�hrige Architekt Philiph Johnson oder gar Senator Strong Thurmond, der mit 96 Jahren das Amtsenthebungsverfahren gegen Pr�sident Clinton leitete. Au�erordentliche M�nner und Frauen wie sie gab es nat�rlich zu allen Zeiten; wie ja auch geigende oder Schach spielende `Wunderkinder�. Doch gleich den jugendlichen Unternehmern stellen die arbeitenden Alten keine seltenen Ausnahmen mehr dar.

    `Ich habe es 1990 mal mit dem Ruhestand probiert�, zitierte die Los Angeles Times j�ngst Thomas Sahms, einen 73-j�hrigen Immobilienmakler: `Ich hatte wenig Talent dafür.� Joseph A. Mintz, mit 81 Jahren als Versicherungsagent in Texas t�tig, ist derselben Ansicht: `Es gibt viele Leute, die nicht in Rente gehen, weil sie nicht Golf spielen oder fischen oder weil sie nicht genug Geld für solche Vergn�gungen haben. Sie k�nnen ja nicht ihre ganze Zeit vor dem Fernseher und mit Schundromanen verschwenden.� James Russell Wiggins, seit 1922 im Berufsleben und heute mit 95 Jahren Redakteur einer Wochenzeitung in Maine, beklagt die Massenverrentung als Verschwendung von Talent und Ressourcen: `Wie kann eine Gesellschaft solchen M��iggang unterst�tzen?� Und Pulitzer-PreisTräger Stanley Kunitz, mit 93 fest entschlossen, sich weder aus- noch abschalten zu lassen, erkl�rt Ruhestand schlicht zum `schmutzigen Wort�.

    Diese Beispiele als Sammelsurium widerspenstiger Einzelf�lle abzutun verbietet die schiere Zahl der Menschen, die in anderen Teilen der Welt noch arbeiten oder gar neue Karrieren beginnen, nachdem sie ein Alter erreicht haben, das in den europ�ischen Wohlfahrtsstaaten statistisch zu Vorruhestand oder gesetzlich verordneter Pensionierung f�hrt. Inzwischen bezieht die H�lfte aller EG-B�rger über 55 eine Rente - w�hrend die Besch�ftigungszahlen just derselben Altersgruppe in den USA st�rker als die aller anderen und sogar überproportional zum Anteil an der Gesamtbev�lkerung wuchsen. Noch jeder zweite 60- bis 65-j�hrige Amerikaner steht im Berufsleben, ebenso jeder Dritte 65- bis 70-J�hrige, jeder sechste der 70- bis 79-J�hrigen. Und das nicht prim�r aus sozialer Not: Der Anteil an gut ausgebildeten und vergleichsweise wohlhabenden Personen unter den �lteren Arbeitnehmern ist überdurchschnittlich hoch. Der offensichtlich freiwillige Trend zum Alter in Arbeit setzt sich in die neunte und zehnte Dekade ungebrochen fort. Die über 85-J�hrigen sind Amerikas am schnellsten wachsende Bev�lkerungsgruppe, ihre Zahl wird sich in den n�chsten zwei Jahrzehnten auf sieben Millionen Menschen verdoppeln. Und sogar von den 90- bis 100-J�hrigen arbeiten heute bereits über 50 000 regelm��ig, darunter allein 1200 zugelassene �rzte.

    Lebensarbeitszeit w�chst

    Helen Dennis, Altersforscherin an der University of California, interpretiert diese wachsende Minderheit von radikalen Ruhestandsgegnern und Pensionierungsverweigerern als soziale Avantgarde: `Was wir heute als au�ergew�hnlich ansehen, wird immer normaler werden.� Auch Joseph F. Quin, �konom der Boston University, vermutet in der Verlängerung der Lebensarbeitszeit eine langfristige Trendwende - bei der die Hightech-Heimat dem Rest der Welt nur um ein paar Jahre voraus ist. für beider Ansicht spricht, dass es in den USA keine offizielle Altersgrenze gibt und Zwangspensionierungen verboten sind. Die aktuellen statistischen Zahlen dr�cken insofern nicht prim�r Vorgaben staatlicher Politik aus, sondern recht unmittelbar die psychischen (und nat�rlich auch finanziellen) Bed�rfnisse sowie physischen F�higkeiten der Betroffenen. Sie offensichtlich lehnen, solange sie nur k�nnen, das Alte-Eisen-Schicksal ab, das in der industriellen Epoche all denen zugedacht war, die dem monoton-brutalen Arbeitsalltag nicht mehr standhielten.

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    über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg, die Reifephase der Industrialisierung, sank das Rentenalter. 1950 setzte sich der durchschnittliche US-Erwerbst�tige mit 67 Jahren zur Ruhe, Mitte der achtziger Jahre mit 60. Doch seitdem nimmt die Zahl der Arbeitsjahre auf auff�llige Weise wieder zu. Diverse wissenschaftliche Studien sehen für die kommenden Jahrzehnte ein Ansteigen des statistischen Rentenalters auf mindestens 70 Jahre, für die zweite H�lfte des 21. Jahrhunderts gar auf 80 Jahre voraus (bei weiter gestiegener Lebenserwartung). M�gen solche Langzeitprognosen auch wenig zuverl�ssig sein, ein Ende des Trends zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist nicht in Sicht. J�ngste Umfragen ergaben, dass die heute 35- bis 54-j�hrigen Amerikaner - die Angeh�rigen der geburtenstarken Jahrg�nge - mehr noch als die aktuellen Alten entschlossen sind, sich nicht in die Unt�tigkeit abschieben zu lassen. Zwischen 66 und 80 Prozent der jeweils Befragten gaben an, sie wollten über das 65. Lebensjahr hinaus ihren Beruf aus�ben. Diese Aussagen zeugen von einer dramatischen Ver�nderung in der Einstellung zur Arbeit, die sich binnen nur eines einzigen Jahrzehnts vollzogen hat - Ende der achtziger Jahre ersehnte praktisch noch jeder Befragte, mit 55 `aufzuh�ren�.

    Eine Flut von verwunderten Artikeln, wissenschaftlichen Untersuchungen und programmatischen B�chern analysiert inzwischen diesen Willen, bis ins hohe Alter aktiv am Erwerbsleben teilzunehmen. Unübersehbar ist dabei der zeitliche Zusammenhang des Wandels mit der dritten industriellen Revolution, die in den USA so weit fortgeschritten ist wie nirgendwo sonst. Er legt es nahe, in der Digitalisierung einen, wenn nicht den Ausl�ser der pl�tzlichen Abkehr von den sozialen Verhaltensweisen zu sehen, die sich - im Unterschied zu fr�heren Phasen der Menschheitsgeschichte - w�hrend der vergangenen rund 200 Jahre herausbildeten. Es d�rfte die erneute Ver�nderung der Arbeit selbst sein, das heraufziehende Ende ihrer industriellen Organisationsform und fremdbestimmten Gewalt, die auch die Einstellung zu ihr ver�ndert.

    Vom Industrie- zum Wissensarbeiter

    In einem Essay für das Magazin `Atlantic� beschreibt der Sozialwissenschaftler und Management-Guru Peter F. Drucker - selbst ein Beispiel für aktives Altern, er ver�ffentlichte mit 90 Jahren gerade sein 31. Buch -, die auff�lligen strukturellen Parallelen zwischen der ersten industriellen Revolution und den Ver�nderungen, deren Zeitgenossen wir heute sind. In beiden F�llen automatisierten technische Basiserfindungen - die Dampfmaschine, der Computer - zun�chst existierende Produktionsabl�ufe. Jeweils vier bis f�nf Jahrzehnte sp�ter, nachdem zwei Generationen gelernt hatten, mit der jeweiligen Innovation umzugehen, entwickelten sich dann in einer zweiten Phase g�nzlich neue Anwendungen: im historischen Fall Eisenbahn und Fernverkehr; in der Gegenwart Internet und E-Commerce. Sie ver�nderten jeweils radikal die Art und Weise, wie Gesch�fte get�tigt wurden, und l�sten so einen au�ergew�hnlichen Wirtschaftsboom aus.

    Nicht weniger nachhaltig sind jedoch die sozialen Konsequenzen technischer Umbruchsperioden. Die Industrialisierung gebar zugleich mit den neuen Arbeitsverh�ltnissen neue Sozialcharaktere mit je eigenen Mentalit�ten, Denk- und Arbeitsweisen: Unternehmer, Arbeiter, Techniker, B�rokraten. Diese `neuen Menschen� pr�gten Kultur und Konflikte der kommenden Epoche. Bei aller Verschiedenheit waren den Zeitgenossen der Industrialisierung aber auch zentrale Erfahrungen gemeinsam - der Alltag in den boomenden Gro�st�dten mit ihren nie gekannten Menschenmassen, Massentransportmitteln, Massenb�rokratien und Massenvergn�gungen, ebenso ein von Eisenbahn und Telegraf bestimmtes neues Verst�ndnis geografischer R�ume, dazu die Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsplatz, die immer arbeitsteiligere Anlage der meisten Berufe und so weiter. Das alles f�hrte zur Ausbildung einer industriellen Lebensform, die sich nachhaltig vom 18. Jahrhundert und seinen Verhaltens- und Denkformen unterschied.

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    �hnlich radikale zivilisatorische Umw�lzungen erleben wir nun im Gefolge des Computers und des Internet, darauf deuten nicht nur die Parallelen im phasenartigen Verlauf von Industrialisierung und Digitalisierung. Niemand nat�rlich kann die digitale Zukunft im Detail vorhersagen. Der historische Vergleich weist allerdings im Verein mit aktuellen statistischen Werten auf einige Entwicklungstendenzen.

    Im Falle der industriellen Revolution pr�gte der Sozialtypus des Lohnarbeiters die Epoche - ein als Einzelperson unbedeutendes, fremdbestimmtes Glied im mechanischen Produktionsprozess, dem das Ergebnis seiner Arbeit und damit diese selbst fremd bleiben musste. Lange bevor Arbeiter zahlenm��ig die Mehrheit gewannen, schreibt Drucker, wurden sie zur ideologisch zentralen Klasse. Denn ihr Schicksal verk�rperte gewisserma�en, was die Industrialisierung der gesamten Menschheit antat. An den Verh�ltnissen und Bed�rfnissen der Industriearbeiterschaft orientierte sich daher die Arbeits- und Sozialgesetzgebung und in der Konsequenz auch das durch staatliche Vorgaben gesteuerte Verhalten von Angeh�rigen vieler anderer Berufe und sozialer Schichten.

    Neue Arbeit, neues Alter

    Mit der Digitalisierung verliert die Industriearbeiterschaft nun diese dominierende Rolle; im statistischen wie ideologischen Sinne. Ins imagin�re Zentrum unserer Zeit r�ckt eine neue Schicht von Arbeitern. Drucker nennt sie knowledge worker, Wissensarbeiter. Ihre T�tigkeiten haben mit industrieller Handlangerei nichts mehr zu tun. Die Wissensarbeiter als zentrale Schicht der Digitalisierung - Programmierer, IT-Techniker, Webdesigner, Hightech-Dienstleister und andere - sind nicht Befehlsempf�nger, sondern hoch qualifizierte, weitgehend autonom entscheidende Mitarbeiter. Ihre Ausbildung und ihr Einsatz �hneln denen von traditionell akademischen und selbstst�ndigen Berufen wie �rzten oder Anw�lten und in vielerlei Hinsicht auch denen von Musikern, Malern und anderen K�nstlern. Wie Anfang des 19. Jahrhunderts der Industriearbeiter beginnen diese Wissensarbeiter als historisch aufstrebende Schicht unsere Epoche weit über das Ma� ihrer reinen Zahl hinaus zu pr�gen. Ihr Weltbild fürbt gewisserma�en auf den Rest der arbeitenden Menschheit ab.

    Gegenw�rtig l�sst sich so das Entstehen eines neuen Sozialcharakters beobachten. Ihn pr�gt die Erfahrung, dass sich eine vollst�ndige Trennung zwischen (Privat-)Leben und Arbeit, zwischen der Weise, wie einer sein Geld verdient, und dem, was er als Privatperson sein will, schlicht nicht durchhalten l�sst. Die Vorstellung, man k�nne seinen Beruf in 30, 35 oder 40 Wochenstunden einsperren, wie es Industriearbeitern und anderen entfremdet T�tigen möglich war und ist, wird unter digitalen, von angeeigneten Informationen bestimmten Bedingungen zunehmend absurd. Wissen muss nicht nur stets neu erworben und aufgefrischt werden; es muss, um effektiv einsetzbar zu sein, integraler Teil der Pers�nlichkeit werden. Was dem Einzelnen aber nicht mehr �u�erlich und fremd gegenübersteht, kann er kaum auf Knopfdruck an- und abschalten - weder zu bestimmten Uhrzeiten noch mit Beginn irgendeines beliebigen Lebensjahres.

    Die Digitalisierung hebt damit nicht nur tendenziell die Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsplatz auf, sie bringt auch massenhaft den mit der industriellen Produktion verloren gegangenen Zusammenhang zwischen Leben und Beruf Zurück. Von einer fremdbestimmten Last wandelt sich Arbeit zu einem wesentlichen und befriedigenden Element der eigenen Existenz. Wie ein Bauer stets rund um die Uhr und sein Leben lang Bauer blieb oder wie Schachgro�meister und Forscher das Denken nicht um 17 Uhr einstellen, so wird der Alltag digitaler Wissensarbeiter von ihrer Arbeit und der steten Notwendigkeit zu geistiger Beweglichkeit erf�llt.

    Neue Erwartungen an die eigene Biografie formen sich dabei. Die letzten Jahre wie die Kleinkinder prim�r unter Gleichaltrigen vor dem Fernsehen, mit Spielchen, Bastelarbeiten oder dem Jammern über k�rperliche Beschwerden zu verplempern scheint weniger verlockend. Die wachsende Minderheit arbeitender Alter von heute, wesentlich Angeh�rige von Wissensberufen, stellt insofern eine historische Vorhut dar. Ohne Arbeit, meint etwa Dr. James R. Dumpson, ein viel besch�ftigter Gutachter, `s��e ich nur zu Hause rum und überlegte, was mir heute gerade wehtut und welche Medizin ich dagegen nehmen k�nnte.� Die Konsequenz des 90-J�hrigen: `Ruhestand steht nicht in meinem Terminkalender.�

    Eine solch weit gehende Integration der beruflichen in die private Existenz ist nat�rlich nur möglich und ertr�glich, weil sich in der digitalen Epoche der Charakter der Arbeit selbst ver�ndert. Fremdbestimmung und Zerm�rbung durch unflexible Maschinensysteme, symbolisiert im Flie�band; das Eingesperrtsein in autorit�r-b�rokratische Befehlshierarchien, verk�rpert in der lebensl�nglichen Festanstellung; dazu die Trennung von Lebens- und Arbeitsraum: Das alles n�hert sich seinem historischen Ende. Die Vernichtung industrieller Arbeitspl�tze, von vielen mit dem Verschwinden von Arbeit selbst verwechselt, ver�ndert das Arbeitsleben. In den USA etwa gingen in den 500 gr��ten Konzernen seit 1980 f�nf Millionen Arbeitspl�tze verloren - w�hrend in Kleinfirmen 34 Millionen neue Jobs entstanden.

    Die Mehrzahl dieser neuen T�tigkeiten unterscheidet sich freilich so dramatisch von industrieller Arbeit, dass nicht einmal mehr die Bezeichnung `Arbeitsplatz� auf sie zutrifft. Der 1999er `California Work and Health Survey� dokumentierte im amerikanischen Westen eine radikale Reorganisation des Arbeitslebens. Nur ein Drittel aller Erwerbst�tigen in Silicon Valley und Umgebung ist noch fest angestellt. 40 Prozent wechselten w�hrend der vergangenen drei Jahre wenigstens einmal den Arbeitgeber, ein Viertel arbeitet lediglich saisonal, 12 Prozent halten mehrere Jobs, acht Prozent verdienen ihr Geld komplett aus dem eigenen Heim. `Wir haben alle geglaubt, dass wir auf dem Weg zu dieser Sorte von Wandel waren�, kommentiert Ed Yelin von der University of California die überraschung der Experten. `Aber aus den Daten wird nun klar, dass wir bereits bei den neuen Verh�ltnissen angekommen sind.�

    B�rokratische Befehls- und Gehorsamsstrukturen, wie sie in den gro�en industriellen Apparaten dominierten, werden in der Wissens�konomie durch Mobilit�t und eigenst�ndiges, kreatives Handeln abgel�st. Jeder wandelt sich, wie Ulrich Beck es als Leitbild formulierte, zum `Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge�. Der Geldberuf kann unter diesen Bedingungen werden, was er in der industriellen Epoche au�erhalb von privilegierten Nischen kaum war: Quelle von Befriedigung und Lebenssinn. Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, desto weniger vermag den Menschen daher das heute typische Rentnerdasein als segensreiche Erl�sung erscheinen. Am Ruhestand tritt vielmehr der Stillstand hervor - als Schreckensbild. Die (Fr�h-)Rentner von heute d�rften insofern eine Spezies sein, die zusammen mit anderen industriellen Erscheinungen ausstirbt; zum Guten jedes Einzelnen und zum Besseren der Volkswirtschaften.

    Von analoger Stagnation zum digitalen Wachstum

    Das 21. Jahrhundert wird die erste historische Epoche sein, in der die Alterspyramide auf dem Kopf steht. W�hrend 95 Prozent der Menschheitsgeschichte erlebte das durchschnittliche Individuum sein 18. Lebensjahr nicht. Allenfalls drei Prozent wurden bis zur industriellen Revolution 65, und noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung erheblich unter 50 Jahren. Insofern war Bismarcks Sozialrente nicht als Breitenleistung angelegt, sondern als humanit�re Offerte an eine Minderheit von Bed�rftigen. Von der Ausnahme ist der Ruhestand jedoch l�ngst zur Norm geworden. Anfang dieses Jahrhunderts waren lediglich drei Millionen Amerikaner über 65, heute sind es 33 Millionen, 2035 wird die Zahl auf 70 Millionen gestiegen sein. In Deutschland wird 2006 jeder F�nfte über 65 Jahre alt sein, in den USA 2023. Der Zeitpunkt ist absehbar, zu dem mehr Gro�eltern als Enkel leben. Die technische Revolution der Digitalisierung wird so von einer sozialen Langlebigkeitsrevolution begleitet.

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    Dass eine statistisch relevante Minderheit oder gar Mehrheit von Menschen, die im Prinzip in der Lage w�re, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen, sich von dem Rest der Bev�lkerung auf Dauer alimentieren l�sst, ist allerdings unter demokratischen Verh�ltnissen schwer vorstellbar. Paul Wallace beschreibt in `Age Quake� (1999) die drohenden Konsequenzen als ein von der Alterswelle ausgel�stes soziales Beben. Auch Peter Peterson, in j�ngeren Jahren Vorstandsvorsitzender der Investmentbank Lehman Bros., warnt in seinem Buch `Gray Dawn� (1999) davor, auf die globale überalterung weiterhin mit Rezepten der industriellen Epoche zu reagieren: `Wir stehen vor demographischen Ver�nderungen, die so substanziell sind, dass sie im Laufe der n�chsten Generation die �konomischen und politischen Systeme der entwickelten L�nder umdefinieren k�nnten.�

    Noch 1960 arbeitete der durchschnittliche Mann in den entwickelten L�nden von seinen 68 Lebensjahren 50. Heute lebt er 76 und arbeitet nur mehr 38. Dieses Ergebnis einer anachronistischen Arbeitsmarktpolitik wird rapide unbezahlbar. Mag die Mehrheit noch den Ruhestand, eine soziale Einrichtung, die gerade einmal 100 Jahre alt ist, für ein selbstverst�ndliches Menschenrecht halten, das in immer j�ngeren Jahren genossen werden sollte - bei den meisten Experten w�chst die Einsicht, dass hier eine Fehlentwicklung zu korrigieren ist: `Unsere aktuellen Rentenprogramme, die als menschliche Anstrengung begannen, alten Menschen zu helfen, die nicht mehr arbeiten konnten und unab�nderlich abh�ngig waren, ermuntern sie nun, mit dem Arbeiten aufzuh�ren, obwohl sie es noch k�nnten�, schreibt Robert J. Samuelson, Autor von `The Good Life and Its Discontents: The American Dream in the Age of Entitlement�. Und die Wirtschaftswissenschaftlerin Dora L. Costa res�miert in ihrer Studie `The Evolution of Retirement: An American Economic History, 1880-1990�: `Die Ruhest�ndler sind zur wahren leisured class geworden�, zu einer Klasse von Leuten also, die sich zu fein zur Arbeit sind.

    Wie die Statistiken freilich zeigen, ist die �konomische Passivit�t dieser postmodernen leisured class nicht unbedingt gewollt. Die immer fr�here und �konomisch ruin�se Verrentung stellt weitgehend das Ergebnis von Zwangsma�nahmen gegen die Betroffenen selbst dar. Gerade in den europ�ischen Wohlfahrtsstaaten werden Menschen über 50 durch staatliche Vorgaben in die Unt�tigkeit gedr�ngt. Hinzu kommt ein enges Netz von Vorschriften, das den gleichzeitigen Bezug von Renten- und Arbeitseinkommen verbietet oder steuerlich bestraft. Auf sehr �hnliche Weise, wie der Start von Jungunternehmern behindert wird, machen es so staatliche Regelungen im Verein mit gewerkschaftlichen Abkommen, beides Relikte der industriellen Epoche, �lteren Arbeitnehmern fast unmöglich, wenigstens teilzeitlich oder saisonal weiterzuarbeiten. Der vermeintlich fürsorgliche Umgang mit den Alten zeigt sich so als undemokratisch und von obrigkeitsstaatlichem Denken bestimmt. Denn Hunderttausenden wird ab einem bestimmten Alter die Freiheit genommen, ihren Lebensstil selbst zu bestimmen. Der britische Economist forderte daher j�ngst: `Lasst die alten Leute arbeiten� und nannte die existierenden Sozialstaatszw�nge ein `perverses �ffentliches Vorgehen�: `Alte Leute zu verfr�htem Ruhestand zu zwingen ist sowohl illiberal wie idiotisch.�

    Letzteres, weil hinter der repressiven Vergoldung der Fr�hrente in Ländern wie Frankreich und Deutschland ein Denken steht, das die meisten angels�chsischen Experten für �konomischen Analphabetismus halten: eine von b�rokratischer Mentalit�t gezeichnete Mengentheorie der Arbeit. Deren Anh�nger scheinen allen Ernstes zu glauben, es g�be ein festes, vorgegebenes Volumen an möglichen T�tigkeiten, das sich nun verteilend verwalten lie�e. Zu diesem Zwecke soll dann nicht nur die Wochenarbeitszeit verringert werden - in Frankreich schickt man gar die Polizei, um zu kontrollieren, dass selbst Manager nicht zu lang am Schreibtisch sitzen; zu diesem Zwecke will man auch �lteren die Arbeit nehmen, um sie J�ngeren zu geben.

    Das beste Beispiel für den Unsinn solcher Anstrengungen - weil das zu historischen Zeiten mögliche Arbeitsvolumen eben keine feste Menge darstellt, sondern mit jeder technischen Innovation potenziell w�chst - bietet gegenw�rtig die entschiedene Nutzung von Computer und Internet in den USA. Sie produziert Wachstum, Arbeit und Wohlstand in einem nie gekannten Ma�e. Sowohl die Produktivit�t pro Arbeitnehmer als auch die Arbeitszeit sind hier mit j�hrlich 2000 Stunden am h�chsten - in Deutschland arbeitet man 20 Prozent weniger, lediglich 1600 Stunden. Gleichzeitig liegt die amerikanische Arbeitslosigkeit bei nur 4,1 Prozent - und das nicht, weil durch staatliche Eingriffe oder Tarifvereinbarungen vorhandene Arbeitspl�tze `erhalten� worden w�ren, sondern im Gegenteil, weil der Staat die kreative Zerst�rung der industriellen Strukturen nicht behindert hat.

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    Der bedrohliche Arbeitsmangel in den europ�ischen Wohlfahrtsstaaten ist daher hausgemacht, mit viel Anstrengung und gegen den historischen Trend. Er ist das Resultat einer auf Umverteilung des Vorhandenen statt auf neues Wachstum ausgerichteten Wirtschaftspolitik. Dieselbe Mentalit�t, die den Mangel produziert, muss dann nat�rlich jenes Wachstum, das sie nicht kontrollieren kann - die Zunahme an alten Menschen - als Bedrohung empfinden, als Gef�hrdung der Sozialstaatszukunft. Unschwer erinnert solch wirtschaftliches Denken an die Vorurteile fr�herer, stagnativer Epochen; etwa an John Malthus� ber�hmten `Essay on the Principle of Population� (1798) mit seiner Warnung vor einer kommenden Bev�lkerungskatastrophe, weil die Menschheit schneller wachse, als Nahrung produziert werden k�nnte. Malthus� Prognose lag bekanntlich daneben, weil er das Wachstum nicht vorhersah, das die Industrialisierung der Landwirtschaft brachte. Heute erzeugen zum Beispiel in den USA die drei Prozent der Bev�lkerung, die noch in der Landwirtschaft t�tig sind, weitaus mehr Lebensmittel als vor 100 Jahren die 80 Prozent aller Amerikaner, die Farmberufe aus�bten. Genauso wenig aber wie der gewaltige Bev�lkerungszuwachs w�hrend des 19. und 20. Jahrhunderts in Europa ein unüberwindliches Ern�hrungsproblem bot, muss auch der k�nftige Zuwachs an �lteren Menschen eine �konomische oder soziale Krise ausl�sen.

    Hohes Alter als Massenerscheinung ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Im 21. müssen daraus die sozialen Konsequenzen gezogen werden - und dank der digitalen Revolution k�nnen es positive sein. Das Alter, unter industriellen Bedingungen zu wenig gut, wandelt sich zu einer Chance, für das Individuum wie für die Gesellschaft. Dazu tr�gt wesentlich der simple Umstand bei, dass die meisten, die gegenw�rtig nach Lebensjahren als alt gelten, es physisch wie geistig keineswegs sind. Jeder Vergleich von Familienfotos zeigt es: Die 60-J�hrigen von heute wirken j�nger als ihre Eltern einst mit 50. Und sie sind es auch, wie die Gesundheitsdaten beweisen. Neun von zehn Menschen zwischen 65 und 74 leben ohne jede physische Behinderung. Der OECD-Report `Maintaining Prosperity in an Ageing Society� legt dar, dass bis ins achte Lebensjahrzehnt hinein die Gesundheitsunterschiede zwischen den Altersgruppen gering sind. Wie in allen Lebensaltern gibt es Gesunde und Kranke, der gesunde 70-J�hrige ist jedoch in der Regel kaum weniger leistungsf�hig als der gesunde 55-J�hrige. Die Konsequenz, die der Report zieht: Eine biologische Basis für einen generellen Ruhestand zwischen 60 und 70 existiert nicht (mehr).

    Die Silicon-Valley-Alten

    Die Fortschritte, die unsere Spezies gemacht hat, erfordern eine Umdefinition der Lebensalter: Die Jugend reicht heute bis weit in das vierte Lebensjahrzehnt, das mittlere Alter bis in das siebte Jahrzehnt. Erst dann kommt es generell zu biologischen Abnutzungserscheinungen, die fr�her in der Regel zwischen 50 und 60 auftraten. Die stete Reduzierung der Lebensarbeitszeit, die aus Verh�ltnissen r�hrte, deren Ende erreicht oder zumindest absehbar ist, kann daher r�ckg�ngig gemacht werden. In der Vergangenheit haben die Volkswirtschaften eine Vielzahl sozialer Gruppen integriert, die zuvor von Erwerbst�tigkeit weitgehend ausgeschlossen waren, etwa Frauen und Behinderte. Jetzt steht eine �hnliche Integrationsleistung für �ltere Menschen an. Denn der abrupte übergang in den Ruhestand macht keinen Sinn mehr. Das Alter als Lebens- und Arbeitsform muss neu erfunden werden - und das nicht zuletzt, weil ein Mangel an qualifizierten Arbeitskr�ften absehbar ist; gerade in den digitalen Wachstumsbranchen.

    In den USA ist bereits ein gutes Drittel der Arbeitskr�fte, die über Zeitagenturen vermittelt werden, 50 und mehr Jahre alt. Untersuchungen zeigen, dass sich �ltere Menschen nicht schwerer für neue Aufgaben anlernen lassen als Teenager, dann jedoch eher zuverl�ssiger arbeiten. Die über 55-J�hrigen z�hlen ohnehin zu den st�rksten Computernutzern, sie verbringen mehr Zeit online als jede andere Altersgruppe. Ihre Umschulung auf Hightech-Berufe bietet sich an - und findet verst�rkt statt. Internet-Ausbildungszentren wie ThirdAge.com machen daraus ein erfolgreiches Gesch�ft. `Das ist das Besondere an Computern�, zitiert `Business Week� die 62-j�hrige Ex-Sekret�rin und Selfmade-Webmasterin Sonia Brock: `Es ist denen egal, wie alt du bist.�

    Das Potenzial für die noch erheblich `�lteren� und von Nachwuchsproblemen geplagten europ�ischen Nationen liegt auf der Hand. In Deutschland wird die Bev�lkerung in der ersten H�lfte des 21. Jahrhunderts um 10 Prozent sinken, in Italien um gar 25 Prozent. Schon heute sind in den IT-Branchen kaum Kr�fte zu finden. In einer solchen Situation Hunderttausende von 50- bis 70-J�hrigen gezielt zu M�ndeln des Wohlfahrtsstaates zu machen ist ein �konomischer Wahnsinn, der sich nur als anachronistische Fortschreibung überkommener Gewissheiten verstehen l�sst.

    Industrielle Arbeit brannte die Menschen aus, verwandelte sie in `altes Eisen�. Berufserfahrung, das über ein Leben angesammelte Wissen, wie es in der Menschheitsgeschichte zuvor einen unsch�tzbaren Wert darstellte, bedeutete unter diesen Bedingungen schon allein deshalb wenig, weil sich weder am Flie�band noch bei �blichen Verwaltungst�tigkeiten zukunftstr�chtige Erfahrungen machen lie�en. Wissensarbeiter hingegen akkumulieren verwertbare F�higkeiten. Informationen m�gen veralten, nicht aber das strukturelle K�nnen, sie zu finden, auszuwerten und zu Probleml�sungen aufzuarbeiten. Erfahrene Wissensarbeiter haben wie einst die vorindustriellen Alten etwas weiterzugeben; die nachfolgenden Generationen k�nnen von ihnen lernen.

    Die Welle der Pensionierungen, die mit den geburtenstarken Jahrg�ngen heranrollt, verglich Business Week daher mit der Gefahr eines `Brain Drain�: dem Verlust an Erfahrungswissen, an Firmengeschichte. W�hrend bis vor kurzem stets �ltere Mitarbeiter zuerst entlassen wurden, fürchtet man nun in Konzernen wie DaimlerChrysler oder Chevron den Massenabgang von Kr�ften, deren Erfahrung sich auf die Schnelle kaum ersetzen l�sst - zumal sich die Jobs für qualifizierte Angestellte bis 2010 um 21 Prozent vermehren werden, w�hrend die Zahl der Menschen zwischen 35 und 50, die für sie in Frage k�men, um f�nf Prozent fallen wird.

    Unter dem gr��ten Mangel an Berufserfahrung leiden gegenw�rtig Tausende junger Hightech-Firmen in Silicon Valley und Umgebung. Ihre Gründer m�gen wissenschaftlich und technisch auf dem letzten Stand sein, allein ihnen fehlt die Gesch�ftserfahrung. Es ist daher zur �blichen Praxis unter Venture-Kapitalisten geworden, den Jungunternehmern jene �lteren Manager zur Seite zu stellen, die im Zuge des Personalabbaus in den traditionellen Branchen freigesetzt wurden. Ex-Gesch�ftsf�hrer von Flug- und Telefongesellschaften, Ex-Finanzchefs von Banken oder Autokonzernen, auch pensionierte Gener�le und Admir�le - zu Hunderten helfen M�nner und Frauen zwischen 50 und 80 beim Aufbau von Hightech-Startups. `Das stellt eine enorme Gelegenheit für kleinere Firmen dar, diese verschwendeten Ressourcen der Konzerne zu nutzen�, sagt Thomas J. Neff von der Personalberatungsfirma Spencer Stuart. Auch Roger M. Kenny, Unternehmensberater bei Boardroom Consultants, h�lt `reifere Manager als Mentor für j�ngere CEOs für ideal�. Best�tigt wird diese Ansicht von einer Studie der Warwick University: W�hrend in Gro�britannien nur 19 Prozent der Neugr�ndungen überleben, schaffen es aber 70 Prozent der Firmen, die von Leuten geleitet werden, die 55 Jahre und �lter sind.

    Alter in der digitalen Epoche

    Diese wichtige Rolle, die erfahrene Wissensarbeiter an der vordersten Front der digitalen Revolution spielen, weist auf die kommende Bedeutung der `neuen Alten� voraus, wie sie der Psychologe und Gerontologe Ken Dychtwald in `Age Power: How the 21st Century Will Be Ruled by the New Old� (1999) entwirft. für seine These einer kulturellen Dominanz spricht allein die schiere Zahl der alternden Babyboomer. In den USA werden die 76 Millionen Menschen, die zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und Pillenknick geboren wurden, in den n�chsten Jahren das traditionelle Rentenalter erreichen - in relativen wie absoluten Zahlen die gr��te Gruppe von Alten in der Geschichte des Landes.

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    Es ist dieselbe Gruppe von Menschen, die in den sechziger Jahren Jugendkult und sexuelle Revolution und in den siebziger Jahren die Computerrevolution trug. Der kalifornische Historiker Theodore Roszak, der 1969 mit seiner Studie `The Making of a Counter Culture: Reflections on the Technocratic Society and Its Youthful Opposition� den Begriff `Gegenkultur� pr�gte, sieht nun - selbst 65 Jahre alt - wieder eine Revolution von seiner Generation ausgehen: die Langlebigkeitsrevolution. `Noch nie gab es in der menschlichen Geschichte eine Gesellschaft, die sich aus mehr Menschen über als unter 50 zusammensetzte�, schreibt er in `America the Wise: The Longevity Revolution and the True Wealth of Nations� (1999). `Dieses Ereignis markiert eine langfristige Wende zum Alter, die nicht umkehrbar ist; wir gehen in Richtung einer permanenten Dominanz der �lteren in unserem politischen, kulturellen und sozialen Leben.�

    Die Massen-Alterung der Gesellschaft versteht er als Chance für einen sozialen Wandel. Er k�nnte die überwindung des industriellen Erbes bewirken und Alter von einer finalen Besch�digung der menschlichen Existenz umwerten zu einer neuen Chance, `einer kulturellen und spirituellen Ressource, die durch Fortschritte in der �ffentlichen Gesundheitsfürsorge und medizinischen Wissenschaft vom Tod Zurückgewonnen wurde, wie die Holl�nder fruchtbares Land aus der Weite des Meeres Zurückgewinnen�.

    Notwendig für die überwindung der industriellen Ressentiments gegen das Alter, meint Roszak, sei ein Kampf für Gleichberechtigung, eine neue B�rgerrechtsbewegung, diesmal nicht gegen Rassen-, sondern gegen Altersdiskriminierung. Derselben Ansicht ist Ken Dychtwald: `�ltere Menschen werden in unserer Kultur aggressiv und andauernd am Arbeitsplatz diskriminiert.� Auch Peter Peterson vergleicht racism mit ageism: `Ein komplettes Stereotyp muss r�ckg�ngig gemacht werden, zusammen mit den institutionellen Regeln und Denkgewohnheiten, die es am Leben erhalten.�

    Beim Aufbrechen dieser verkrusteten Strukturen, das zeigen die Erfahrungen in vielen jungen Hightech-Firmen, kommt es in den USA zum Schulterschluss zwischen der Gro�eltern- und Enkelgeneration - den beiden Altersgruppen, die nach den Gewohnheiten der indust-riellen Epoche vom �konomischen Leben ausgeschlossen werden sollen. Die Jungen h�lt es immer weniger in einem Schul- und Ausbildungssystem, das nach dem Prinzip der Fabrik Monotonie und überholte Standards verbreitet, und die Alten verlangt es schlicht nach dem Gegenteil des überkommenen Rentnerdaseins - nach einem neuen Unruhestand. (ae)

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