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Herr Jochen Gust
Berater von Angehörigen Demenzkranker beim Alzheimerforum, Berlin
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29.06.2005  Alzheimer/Demenz

Alzheimer ungelöst – Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Noch vor sechs oder sieben Jahren war das Thema Demenz eher ein Nischenthema. Abgesehen von einigen Forschern, wenigen Ärzten und noch weniger Pflegekräften hatten nur die Betroffenen selbst und deren Angehörige umfangreiche Kenntnisse zu den vielfältigen Problemen die diese Erkrankungen mit sich bringen. Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Heute weiß nahezu jeder, dass die Alzheimerkrankheit eine Gehirnerkrankung ist.

Das Wissen zum Thema Demenzerkrankungen ist heute vielmehr in der „Masse der Bevölkerung“ – zumindest oberflächlich – verankert. Dies ist vor allem deshalb so, weil die Medien stärker als noch zum Beispiel Anfang der 90er Jahre über das Thema berichten. Die Politik hat ebenfalls halbwegs realisiert, dass der Anstieg der Altersbevölkerung zu einem Problem für Deutschland hinsichtlich der Sozialversicherungssysteme geworden ist. Und auch alte Menschen sind Wähler. Die Umkehrung der Alterspyramide die in Deutschland eintreten wird, wird – so kein Heilmittel gefunden wird – auch zu einem Anstieg der absoluten Krankenzahlen Demenzkranker führen. Auch sind die Forschungsausgaben stark gestiegen – Medikamente zur Behandlung von Demenzerkrankungen und den Begleiterscheinungen sind für die Pharmaindustrie und die Apotheken ein Milliardengeschäft.

Auch die professionelle Altenhilfe hat sich des Themas mehr und mehr angenommen, und teilweise findet eine erfreuliche Spezialisierung statt. Aber auch hier steht vielerorts im Vordergrund, dass mit den Altersverwirrten und ihren Angehörigen beste Geschäfte zu machen sind. Demenzkranke können sich in der Regel nicht Beschweren, sind also „dankbare“ Kunden eines Pflegeheims, und die Angehörigen und Betreuer sind oftmals überfordert, kennen oder nutzen ihre Rechte viel zu wenig.

Gewarnt werden muss unter Bezugnahme auf die Entwicklung im Gesundheitswesen immer deutlicher vor unseriösen Angaben und Angeboten, die häufig nur zum Ziel haben den Pflegebedürftigen, respektive seinen Angehörigen, Geld aus der Tasche zu ziehen. Nichtsdestotrotz ist es durchaus möglich, dass einige „professionelle“ Unternehmen auch aus Unkenntnis handeln.
Beispielsweise nehmen heute fast alle Alten- und Pflegeheime Senioren auf, auch wenn diese an einer Demenz erkrankt sind. Nur umgehen können sie dann häufig nicht mit den Problemen, die dies mit sich bringen kann. Weder sind die Mitarbeiter entsprechend geschult, noch gibt es Mechanismen die den Heimbewohner zum Beispiel bei einer Weglauftendenz entsprechend vor den damit verbundenen Gefahren schützen. Viel mehr als eine medikamentöse oder mechanische Fixierung scheint vielerorts nicht in den Möglichkeiten zu stehen. Angehörige sind gut beraten, sich frühzeitig – bevor es notwendig wird – um das richtige Heim zu kümmern, und dort einen Platz in der Warteliste einzunehmen. Die Warteliste muss übrigens seitens des Heims kostenlos geführt werden – Finger weg von Anbietern die Geld dafür verlangen einen Namen auf eine Liste zu setzen. Es geht schließlich nicht darum, ein Pflegezimmer freizuhalten.

Aber auch – natürlich – Apotheker beteiligen sich an Methoden die man allenfalls noch wohlwollend als unseriös bezeichnen kann. Beispiel Lübeck 2003. Eine großer Apotheke bietet „Alzheimertests“ an. Ein Test, der das individuelle Alzheimerrisiko bestimmen sollte. Dies sollte, wie eine Neurologiereferentin berichtete, über die Bestimmung der Cholesterinwerte geschehen. Blanker Unsinn. Aber praktischer Weise hatte die Apotheke natürlich Präparate parat die dem Delinquenten dann natürlich empfohlen wurden... . Richtig ist, dass es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen einem cholesterinabbauenden Enzym gibt und der Entstehung der Demenz vom Alzheimer-Typ. Die Bonner Forscherin Heike Kölsch hat dazu umfangreiches Wissen zusammengetragen, dass u.a. auf den Webseiten der Hirnliga grob dargestellt ist.

Ein anderes Feld ist das Internet. Immer wieder werben Wunderheiler mit Wunderpillen gegen Alzheimer, legaler Weise dann im Ausland zu bestellen, falls die deutschen Behörenden schon hinter den Scharlatanen her ist. Diese Pillchen und Tinkturen, Alufolien um technische Geräte zu umwickeln (ja, tatsächlich so was wird / wurde ver- und gekauft), Kräutermixturen und Vitaminpillen – blanker Unsinn der den Pflegbedürftigen bzw. seine Familie unnötig Geld kostet, dass bei dieser Erkrankungsform ohnehin nicht im Übermaß vorhanden ist. Manchmal bleibt die Frage, ob es echte Naivität oder pure Verzweiflung ist, die Menschen dazu treibt solchen Geldschneidern zu glauben.
Eine andere Firma aus Berlin bot noch zu Beginn des Jahres 2004 einen Gentest auf die Alzheimerkrankheit an. Kostenpunkt: stolze 780,00 €uro. Der Empfänger des Tests sollte mittels dieses Gentests sein individuelles Krankheitsrisiko bestimmen lassen können. Der Kunde soll mit zwei Wattestäbchen etwas Mundschleimhaut entnehmen, und diese dann an besagte Firma senden. Das Testergebnis sollte dann in zehn Tagen vorliegen.

Im von der Firma verwandten Verfahren wurde das E4-Allel des Apolipoprotein-E-Gens (kurz APOE4) auf Chromosom 19 nachgewiesen. Dies erfolgt auf „molekulargenetischem Wege“.
Das Ergebnis des Test erhalten die Probanden dann postalisch. Der Sinn – na klar, der Reingewinn! Kurz zur Seriosität eines solchen Tests: In einer vielbeachteten Publikation zur Genetik der Alzheimerkrankheit und deren deutschen Übersetzung aus dem Jahr 2001 „The genetics of Alzheimer disease: current status and further prospects von D. Blacker heißt es zum e4-Allel: „Da APOE4 und A2M allein weder notwendig noch ausreichend für die Auslösung von Alzheimer in irgend einem Alter sind, kann man sie weder für Vorhersagen, noch als diagnostische Hilfen bei dieser Krankheit verwenden.“.

Noch Fragen? Die Firma existiert im Übrigen auch heute noch, dort bietet man jedoch nur noch Vaterschaftstests an. Die Berichterstattung darüber wurde wohl zu unangenehm..... .
Sollte zum Beispiel bei einer äußerst seltenen familiären Häufung ein Gentest zur Alzheimerkrankheit Sinn machen, wird darüber ein Arzt ausführlich beraten – und der Test braucht dann nicht aus eigener Tasche bezahlt zu werden.

Ein weiteres Feld, dass den mündigen Bürger gerne einmal etwas vorgaukelt, sind die Alten- und Pflegeheime. Für die schwierigen Umstände unter denen sie ihre Leistungen anbieten sind sie nur zum Teil verantwortlich zu machen, denn äußere Rahmenbedingungen werden nicht von ihnen allein gesetzt. Aber wie sie ihre Leistungen anbieten und vor allen Dingen welche, dies lässt bei Kennern der Szene manchmal nur ein Kopfschütteln zu. Pflegeheime, die mit Vorsicht zu genießen sind, werben zum Beispiel gerne mit „freier Arztwahl“. Freie Arztwahl als Leistung eines Pflegeheims?? Der Artikel 2 des Grundgesetz lässt wohl keinen Zweifel daran, dass man seinen Arzt frei wählen kann. Freie Arztwahl ist ein Recht gemäß des Grundgesetzes, und auch wenn mancher Heimbetreiber es kaum glauben mag: das Grundgesetz gilt auch innerhalb dieser Einrichtungen. Selbiges gilt natürlich für die Wahl der Apotheke o.ä. . Auch werben Heimbetreiber gerne mit Leistungen, die sie gar nicht selbst erbringen und führen so Angehörige und Betreuer gerne in die Irre. Zum Beispiel mit Krankengymnastik. In der Werbeanzeige steht in der Leistungsbeschreibung etwas von Krankengymnastik, allerdings befindet sich kein einziger Physiotherapeut in der Einrichtung unter Vertrag. Empfehlung: wenn ein Arzt dem Pflegebedürftigen KEINE Krankengymnastik verordnet, sollten die Betreuer unbedingt auf die Erbringung der zugesicherten Leistung durch das Heim bestehen. Sie dürfen sich jetzt schon auf die Ausreden und Ausflüchte der Pflegedienstleiterinnen und Heimleiter freuen.... . Krankengymnastik wird wenn notwendig nach wie vor vom Arzt verordnet, und ist dann eine Leistung der Krankenkassen.
Aber auch die Kranken- und Pflegekassen verbiegen die Fakten gerne mal zu ihren Gunsten. Nicht nur, dass Angehörige Pflegebedürftiger vielerorts schlecht bis gar nicht beraten werden. Vielmehr durfte ich selbst schon „live“ erleben, wie sich eine große Krankenkasse im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit einer Landesgesundheitsministerin selbst und die Öffentlichkeit täuschte. Darin präsentierte die Kasse eine Umfrage unter ihren (schwerstpflegebedürftigen!) Versicherten in den Pflegeheimen des Landes Schleswig-Holstein. In dieser waren die Heimbewohner nach ihrer Zufriedenheit befragt worden. Ich kann mir gut vorstellen, wie zufrieden die demenzkranke Hiltrud X. und die halbseitig gelähmte Frau Y mit entsprechender Aphasie mit ihrem Heimaufenthalt sind. Dankbar das die Pflegekasse das „alles bezahlt“ – wo sollen sie denn auch hin bei Unzufriedenheit? Eine Befragung von Abhängigen, die das „Gedächtnis“ der Leistungserbringer fürchten – alle Achtung. Eine aufwändige Umfrage mehr zu Lasten der Versicherten, die das Papier nicht wert ist auf dem die Ergebnisse gedruckt sind.

Alle mit einem Funken Verantwortungsgefühl die im Gesundheitswesen beschäftigt sind, sind aufgerufen solchen unseriösen Machenschaften wie in diesem Artikel dargestellt offen entgegenzutreten. Diese Machenschaften kosten alle Versicherten Unsummen, spielen mit dem Leid und der Not von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen, und wenige Bereichern sich mal wieder auf Kosten Vieler. Nehmen wir zur Kenntnis, dass sich die Lage bezüglich solcher Dinge noch verschärfen wird – denn das Thema Pflege und Gesundheit wird immer größeren Raum in unserer Gesellschaft einnehmen.

An welchem Platz Sie auch immer gestellt sein mögen: zeigen Sie Flagge!


Jochen Gust