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  Wissenschaft und Forschung

Einführung in die Qualitative Forschung Drucken

Qualitative Forschung war jahrelang ein Stiefkind in der Forschungslandschaft. Darum muß man, wenn man sich mit qualitativer Forschung beschäftigt, einige Vorannahmen verinnerlichen, die den Zugang zu dieser Methode erleichtern:

  • Qualitative Methoden sind empirische Forschungsmethoden

  • Qualitative und quantitative Methoden stehen nicht in Konkurrenz, sondern in Kooperation zueinander

  • Qualitative Methoden besitzen eine Vielzahl von Verfahren, die sehr unterschiedlich sind

  • die Zusammenarbeit mit der internationalen Forschung unterstützt die Etablierung der qualitativen Methoden in Deutschland

  • Qualitative Methoden untersuchen ganzheitliche Eigenschaften (qualia) und die Bedeutungen, die diese Eigenschaften für die handelnden Personen haben.

    Prolog

    Qualitative Forschungsmethoden haben in den letzten 20 Jahren an Relevanz gewonnen. Dabei werden sie oftmals im Kontrast zur quantitativen Forschung definiert, analysiert und kritisiert. Dies geschieht zwangsläufig, da keine einheitliche Definition von qualitativer Forschung existiert und das Feld der Forschung sehr breit gefächert ist. Allein die Begrifflichkeiten bieten eine Gegenüberstellung der Forschungsmethoden an, vor allem auch aus dem Grunde, da sich in der Gegenüberstellung der beiden Methoden ihre jeweilige Bedeutung sehr gut darstellen läßt. Diese Gegenüberstellung hat lange die Geschichte der qualitativen Forschung begleitet und führte dazu, daß das qualitative Paradigma einem gewissen Rechtfertigungszwang ausgesetzt war. Dies bedeutet nicht, daß qualitative und quantitative Verfahren stets exklusiv angewendet werden. Oftmals birgt gerade die Verknüpfung der Methoden konstruktivere Ergebnisse. „Ein Einsatz quantitativer Methoden ist vor allem dann sinnvoll, wenn das zu analysierende Phänomen deutlich strukturiert ist und der Untersucher selbst ein klares Bild von dieser Struktur besitzt, die es ihm ermöglicht, Objektbereiche festzulegen, Hypothesen zu bilden und hinreichend angemessene Operationalisierungen vorzunehmen.“ [1]

    Qualitative Forschungsmethoden stehen nicht divergent den quantitativen Forschungsmethoden gegenüber. Aufgrund der engen Beziehung zwischen dem Gegenstand und der Methodik der Forschung, stellen qualitative Methoden vielmehr einen anderen Zugang zu Fragestellungen dar, der das Hinzuziehen von quantitativen Methoden nicht ausschließt. Qualitative Forschung bezieht sich nicht auf die Erziehungswissenschaften allein, sie wird ebenso in anderen Sozialwissenschaften angewandt. Sie dient als Untersuchungs- und Prüfungsinstrument für Lebenszusammenhänge, die komplexerer, sozialer Natur sind. Dabei ist die einzelne Person genau so wichtig, wie die Gesamtstruktur des sozialen Gefüges.

    Bei qualitativen Forschungsvorhaben geht es um die „Erforschung von Prozessen der sozialen Wirklichkeit in natürlicher Einbettung“ [2]. Untersucht werden sowohl verbale, als auch nonverbale Handlungsweisen. Die Datenerhebung erfolgt im allgemeinen durch die Erhebungsmethoden der Beobachtung, der Befragung und der Inhaltsanalyse von Texten. Die Daten werden zunächst unstrukturiert zusammengetragen und erst im Laufe des Forschungsprojektes geordnet.

    Qualitative Forschung verfolgt (mindestens) drei Intention: die Analyse qualitativer Daten, die Hypothesengenerierung mittels qualitativer Verfahren und die Rekonstruktion von Abläufen. Generiert man Schlagworte der qualitativen Forschung, so müßten sie Kommunikation, Verstehen, Subjekt und Lebenswelt lauten. Im Kontrast dazu wären die Schlagworte der quantitativen Forschung Reproduzierbarkeit, Wahrheit, Logizität und Erklären.

    Quantitative Methoden dominierten innerhalb der Forschungslandschaft. In dieser Arbeit soll begründet werden, warum qualitative Verfahren gerade in den Sozialwissenschaften nicht nur ihre Berechtigung, sondern auch ihre Notwendigkeit besitzen. Der Bedarf nach ganzheitlichen Verfahren hat die Ausformulierung dieser Methode möglich gemacht, aber auch richtungsweisende Publikationen vor allem aus den Vereinigten Staaten sind letzlich Grund für die Etablierung qualitativer Sozialfoschung.

    Qualitative Verfahren sind aus einem Komplex an Fundamenten erwachsen. Diese Fundamente sind Bereiche der Soziologie, der Philosophie, der Sozialwissenschaft aber auch politische und kulturelle Faktoren haben Einfluß auf die Entwicklung und den Bestand der Forschung. Diese Fundamente sollen im folgenden veranschaulicht werden, da sich aus diesen Grundfesten die Innovation der qualitativen Forschung erst bilden konnte.

    Typologisierung qualitativer Sozialforschung nach LÜDERS/REICHERTZ [3]

    Das qualitative Paradigma zeichnet sich vor allem durch eine große Komplexität aus. Die Datenerhebungs- und auswertungstechniken sind ausgesprochen vielfältig und unübersichtlich. Eine komprimierte Darstellung der qualitativen Sozialforschung ist daher ausgesprochen schwierig. LÜDERS/REICHERTZ versuchten den Komplex zu ordnen, indem sie Typologisierungen qualitativer Sozialforschungen vornahmen und kreierten „drei Forschungsperspektiven, die jeweils eine besondere Ebene der sozialen Wirklichkeit anvisieren und zum Gegenstand der Analyse machen.“ [4]

    1. Der Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinns

    Gegenstand der Forschung ist das Subjekt. Ermittelt werden sollen die Perspektiven des Individuums bezüglich der Wahrnehmung seiner sozialen Wirklichkeit (Erfahrungen und Sichtweisen). In der Praxis bedeutet dies meist eine Zusammenstellung von subjektiven Äußerungen. Dies ist zugleich das Problem und der Kritikpunkt an dieser Forschungsperspektive: der subjektive Sinn von Äußerungen wird weder rekonstruiert oder geklärt, sondern vielmehr einfach in Form eines Berichtes wiedergegeben.

    2. Die Deskription sozialen Handelns

    Gegenstand der Forschung ist das Ziel soziales Handeln und soziale Milieus. Anhand von Beobachtungsdaten werden Lebensweltanalysen vorgenommen. Ziel ist eine genaue Beschreibung, ohne Interpretationen einer Lebenswelt. (ethnomethodologisches und narrationsstrukturelles Konzept)

    Ziel kann im weiteren die Rekonstruktion der Regeln sozialen Handelns sein. Neben dem Rapport von Interaktionsprozessen geht es hier um die Rekonstruktion von Regeln und Strukturen. (ethnomethodologisches und interaktionslogisches Konzept).

    3. Die Rekonstruktion von Strukturen

    Gegenstand der Forschung sind Deutungs- und Handlungsmuster. Das Individuum ist Ausführender von Regeln. Die Tiefenstrukturen des Handelns stehen im Mittelpunkt, nicht der Handelnde selbst.



    Verfasser: © Carmen Wingenbach, 2000


    Fussnoten

    [1] K. Treumann:  Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München: Juventa-Verlag, 1986,  S.199

    [2] K. Treumann: Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München 1986

    [3] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988; S. 32ff

    [4] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988, S.32

    [5] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 15

    [6] Kunzmann/Burkard/Wiedmann: dtv-Atlas zur Philosophie, München 1991, S.99

    [7] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 16

    [8] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 18

    [9] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S. 117

    [10] Kunzmann/Burkard/Wiedmann: dtv-Atlas zur Philosophie, München 1991, S.193

    [11] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994,  S. 119

    [12] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.22

    [13] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.23

    [14] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.29

    [15] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 23

    [16] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.109

    <[17] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.108

    [18] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.58

    [19] Treibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart.Opladen 1994, S. 112

    [20] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.114

    [21] H. Garfinkel: Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln. In: H. Steinert (Hg.): Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart 1973, S. 290

    [22] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 22

    [23] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 23

    [24] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 26

    [25] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988

    [26] W. Wolf: Qualitative versus quantitative Forschung. In: E. König, P. Zedler (Hg.): Bilanz qualitativer Forschung. Bd I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 309-329

    [27] Vgl. S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988

    [28] W. Wolf: Qualitative versus quantitative Forschung. In: E. König, P. Zedler (Hg.): Bilanz qualitativer Forschung. Bd I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 315

    [29] aus: K. Treumann: Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München: Juventa-Verlag, 1986

    [30] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988

    [31] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1 Methodologie. Weinheim 1988, S.21

    [32] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.33ff

    [33] E.König u. A. Bentler: Arbeitsschritte im qualitativen Forschungsprozeß - ein Leitfaden. In: B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.90

    [34] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 118

    [35] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 118

    [36] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 138

    [37] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 431

    [38] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 121

    [39] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 147

    [40] P. Atteslander: Methoden empirischer Sozialforschung. Berlin; New York 1984, S.145

    [41] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 434

    [42] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 433

    [43] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 441

    [44] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 163

    [45] P. Atteslander: Methoden empirischer Sozialforschung. Berlin; New York 1984, S.84

    [46] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 190

    [47] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 189ff

    [48] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 202

    [49] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.212

    [50] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.220

    [51] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.226/27

    [52] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.231

    [53] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.248

    [54] K.-E. Rogge (Hg.): Methodenatlas. Berlin Heidelberg 1995, S.143

    [55] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 255

    [56] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.280

    [57] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.283

    [58] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.285

    [59] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 287

    [60] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988; S. 32ff

    [61] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.36

    [62] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.36

    [63] H. Weishaupt: Qualitative Forschung als Forschungstradition. Eine Analyse von Projektbeschreibungen der Forschungsdokumentation Sozialwissenschaften (FORIS). In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 75ff

    [64] H-P. Müller: Sozialstruktur und Lebensstile. Der neuere theoretische Diskurs über soziale Ungleichheit. Frankfurt/M 1993, S.159