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Die wissenschaftlich-philosophische Basis Drucken

Phänomenologie

Edmund HUSSERL (1859-1938) gilt als der Begründer der philosophischen Richtung der Phänomenologie. Phänomenologie ist die Wesenswissenschaft, die Lehre (griech. = logos) von den Erscheinungen (griech.=pheinomenon). Zentral ist die Annahme, daß es keine rationales Erkenntnisse gibt, sondern lediglich die geistige Anschauung des Wesens, der Gegenstände oder der Sachverhalte.

HUSSERLS Philosophie steht im Kontrast zum Rationalismus. Phänomenologie definiert HUSSERL als „eine Philosophie, die gegenüber dem vorwissenschaftlichen und auch wissenschaftlichen Objektivismus auf die erkennende Subjektivität als Urstätte aller objektiven Sinnbildungen und Seinsgeltungen zurückgeht und es unternimmt, die seiende Welt als Sinn- und Geltungsgebilde zu verstehen und auf diese Weise eine wesentlich neue Art der Wissenschaftlichkeit und der Philosophie auf die Bahn zu bringen“ HUSSERL 1962 [9] Seine Methode bezeichnet HUSSERL als Wesensschau. Die Strukturen eines Phänomens (Erscheinungen, Situationen, Sachverhalte, Zusammenhänge) sollen sukzessive freigelegt werden, um zum eigentlichen Kern des Phänomens vorzudringen. Dieser Vorgang wird als phänomenologische Reduktion bezeichnet. „Mit Hilfe der Reduktion ist es nun möglich zu klären, aufgrund welcher Leistungen sich das Bewußtsein selbst und wie sich Gegenständlichkeit, und damit Welt, im Bewußtsein konstituiert.“ [10] Diese Reduktion durchläuft mehrere Vorgänge:

 

1. Wortdefinition

Das Wort wird analysiert hinsichtlich der Aussage eines Wortes, des allgemeinen Wortverständnisses, der Herkunft, der Etymologie und der Wortzusammensetzung. Bsp.: Reaktion: re = zurück, Aktion = Handlung

2. Beschreibung

Das Phänomen wird beschrieben hinsichtlich der beteiligten Personen und deren Verhältnis zueinander.

3. Abgrenzung

Das Phänomen wird gegenüber ähnlichen oder gegenteiligen Phänomenen abgegrenzt. Bsp.: Fortschritt - Rückschritt

4. Vergleichen

Das Phänomen wird mit anderen Phänomenen verglichen. Bsp.: Erziehungsvorgänge im Vergleich mit handwerklichen Herstellungsprozessen (Material, Handwerk, Ergebnis).

5. Korrelation

Das Phänomen wird hinsichtlich historischer und psychologischer Zusammenhänge untersucht. Bsp.: Rassismus, ist die historisch gewachsene Aversion oder ein akuter Vorfall Grund für den Rassenhaß?

6. Bezüge

Ursachen, Zusammenhänge und Folgen der Erscheinung werden dargelegt. Beschrieben werden auch die Bedeutungen, die dieses Phänomen in seinen Abläufen für den Einzelnen hat.

 

Alfred SCHÜTZ gilt als Begründer der soziologischen Phänomenologie. Er bezieht sich in erster Linie auf den von HUSSERL geprägten Begriff der Lebenswelt. Lebenswelt ist „die fraglos gegebene Wirklichkeit: sie ist sowohl Schauplatz wie Ziel meines bzw. unseres Handelns.“ [11] Die Lebenswelt wird nach SCHÜTZ in drei Verfahren ausgelegt:

 

Wissensvorräte

Handlungen beruhen auf Wissensvorräten, die unreflektiert und routiniert sind. Dabei handelt es sich um

  • Fertigkeiten (essen, schwimmen, ect.)

  • Gebrauchswissen (rechnen, telefonieren, ect.)

  • Rezeptwissen (Gebrauch des Vorlesungsverzeichnisses für einen Studenten, Spuren lesen für einen Jäger, ect.)

  • Erfahrungen

    Handlungen basieren auf dem Vertrauen, daß einmal Erfahrenes Gültigkeit besitzt. (auf einen Gruß folgt ein Gruß, ect.)

    Typisierungen

    Die Lebenswelten werden typisiert hinsichtlich der Typenhaftigkeit von Natur und Sozialwelt. Erwartungen beziehen sich auf die Typenhaftigkeit dieser Lebenswelten. (betritt man einen Supermarkt, erwartet man dort Konsumgüter vorzufinden, ect.)

     

    Die Auslegung der Lebenswelten nach diesen drei Verfahren bedeutet, daß Ereignisse definiert und kategorisiert werden können und somit einen Sinn erhalten. Aus diesem Grund findet der Mensch sich in seiner Lebenswelt zurecht. Die Lebenswelt des Alltags ist somit intersubjektiv: der Mensch agiert nicht isoliert, sondern sozial aufgrund der Auslegbarkeit der Lebenswelten.

    Hermeneutik

    Hermeneutik ist die Lehre der Auslegung. Der Wortursprung ist griechisch (hermeneutike techne) und bedeutet Erklärungskunst. Er hat seinen Ursprung in der griechischen Mythologie, Hermes war der Mittler zwischen Göttern und Menschen. Historisch betrachtet ist Hermeneutik zunächst eine Methode der Sprachwissenschaft, bei der es um die Auslegung eines Textes geht. Heute bezieht sich Hermeneutik auch auf die Auslegung von Handlungen, Gebärden, Werke u.ä. Dies kann sich auf das Werk eines einzelnen Menschen beziehen (Kunstwerke u.ä.) oder auf das Werk einer Kultur (Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur). Die Auslegung, das Erklären der Werke, Gebärden, Handlungen und auch der Sprache soll zum Verstehen im Sinne von Nachempfinden führen. „Deshalb bedeutet verstehen, hermeneutisch forschen, immer das Erfassen einer Ganzheit.“ [12]

    Hermeneutischer Zirkel: Hermeneutisch forschen bedeutet nicht linear vorzugehen, beispielsweise ein Leben von Anbeginn an zu erforschen, sondern an einem Punkt zu beginnen und zirkelhaft die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu erforschen.

    Hermeneutische Intersubjektivität: Ein Forscher muß, wenn er eine Lebenswelt erforschen will, ein Vorverständnis mitbringen, d.h. die Situationen, die ihm begegnen mit eigenen Erfahrungen korrelieren, denn „jedes Erkennen geht von einem Vorverständnis aus.“[13]

    Kritisches Engagement: Das Prinzip der Handlungsforschung, die Personen, die es zu erforschen gilt, nicht zu Untersuchungsobjekten zu degradieren, ist ebenso ein hermeneutisches Prinzip. Auf Seiten des Forschers muß die Bereitschaft existieren, sich auf die zu erforschenden Personen einzulassen, sie kennenzulernen und zu respektieren. Engagement ist die Voraussetzung für die Erforschung von Lebenswelten. Dennoch eine gewisse Distanz wahren, um mit den gewonnenen Erkenntnissen kritisch umgehen zu können.

    „Jede menschliche Lebenswirklichkeit ist durch bestimmte historische, psychologische, soziologische, biologische, politische und sprachliche Bezüge mitgeprägt. Ebenso ist der Bedeutungs- und Verstehenshorizont des Forschers nicht unabhängig von diesen Bezügen. Jede Forschung muß diesen Gegebenheiten Rechnung tragen, d.h. sie muß Reduktionen vornehmen.“ [14]



    Verfasser: © Carmen Wingenbach, 2000


    Fussnoten

    [1] K. Treumann:  Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München: Juventa-Verlag, 1986,  S.199

    [2] K. Treumann: Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München 1986

    [3] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988; S. 32ff

    [4] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988, S.32

    [5] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 15

    [6] Kunzmann/Burkard/Wiedmann: dtv-Atlas zur Philosophie, München 1991, S.99

    [7] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 16

    [8] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 18

    [9] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S. 117

    [10] Kunzmann/Burkard/Wiedmann: dtv-Atlas zur Philosophie, München 1991, S.193

    [11] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994,  S. 119

    [12] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.22

    [13] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.23

    [14] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.29

    [15] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 23

    [16] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.109

    <[17] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.108

    [18] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.58

    [19] Treibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart.Opladen 1994, S. 112

    [20] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.114

    [21] H. Garfinkel: Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln. In: H. Steinert (Hg.): Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart 1973, S. 290

    [22] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 22

    [23] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 23

    [24] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 26

    [25] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988

    [26] W. Wolf: Qualitative versus quantitative Forschung. In: E. König, P. Zedler (Hg.): Bilanz qualitativer Forschung. Bd I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 309-329

    [27] Vgl. S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988

    [28] W. Wolf: Qualitative versus quantitative Forschung. In: E. König, P. Zedler (Hg.): Bilanz qualitativer Forschung. Bd I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 315

    [29] aus: K. Treumann: Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München: Juventa-Verlag, 1986

    [30] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988

    [31] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1 Methodologie. Weinheim 1988, S.21

    [32] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.33ff

    [33] E.König u. A. Bentler: Arbeitsschritte im qualitativen Forschungsprozeß - ein Leitfaden. In: B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.90

    [34] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 118

    [35] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 118

    [36] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 138

    [37] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 431

    [38] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 121

    [39] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 147

    [40] P. Atteslander: Methoden empirischer Sozialforschung. Berlin; New York 1984, S.145

    [41] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 434

    [42] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 433

    [43] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 441

    [44] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 163

    [45] P. Atteslander: Methoden empirischer Sozialforschung. Berlin; New York 1984, S.84

    [46] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 190

    [47] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 189ff

    [48] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 202

    [49] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.212

    [50] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.220

    [51] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.226/27

    [52] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.231

    [53] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.248

    [54] K.-E. Rogge (Hg.): Methodenatlas. Berlin Heidelberg 1995, S.143

    [55] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 255

    [56] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.280

    [57] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.283

    [58] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.285

    [59] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 287

    [60] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988; S. 32ff

    [61] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.36

    [62] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.36

    [63] H. Weishaupt: Qualitative Forschung als Forschungstradition. Eine Analyse von Projektbeschreibungen der Forschungsdokumentation Sozialwissenschaften (FORIS). In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 75ff

    [64] H-P. Müller: Sozialstruktur und Lebensstile. Der neuere theoretische Diskurs über soziale Ungleichheit. Frankfurt/M 1993, S.159