Wissen Qualitative Sozialforschung |
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| Wissenschaft und Forschung | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Formen der Datenerhebung
Qualitative Methodologie untersucht Schriftstücke, gesprochene Worte oder beobachtbares Verhalten. Allein diese drei Aspekte lassen eine große Breite an Erhebungsmethoden vermuten, aus denen qualitative Daten gewonnen werden. Qualitative Methodologie heißt nicht, daß sämtliche Methoden auf eine Forschung angewandt werden müssen. Die am beispielhaftesten und häufigsten angewandte Methode ist die der Biographieforschung. „Methoden stellen Wege oder Weisen dar, um von einem definierten Ausgangszustand einen definierten Zielzustand zu erreichen; diese Weisen sollen möglichst präzise beschrieben und genau festgelegt werden, damit andere Menschen sie nachvollziehen können.“[34] Innerhalb der qualitativen Sozialforschung ist das Ziel nicht bedingt klar definiert, sondern kann sich optional während des Forschungsprozesses kristallisieren. Das primäre Ziel der Sozialforschung ist „Informationsgewinn oder Erkenntniszuwachs über die soziale Wirklichkeit.“[35] Die Verfahren, um dieses Ziel zu erreichen sind: Datensammlung und Datenauswertung. Die Datensammlung erfolgt durch Erhebungsmethoden. Diese lassen sich in vier Kategorien unterscheiden:
Beobachtung Eine der grundlegendsten Methoden der Datenerhebung innerhalb der empirischen Wissenschaften ist die der Beobachtung. Das Meßinstrument dieser Erhebungsmethode ist der Beobachter selbst. Dies ist zugleich auch der meist aufgeworfene Kritikpunkt an diesem Verfahren: die Subjektivität; die Daten die durch Beobachtung gewonnen werden wurden durch die Wahrnehmung und Beurteilung eines Beobachters generiert. Dies kann zu Beobachtungs- und Beurteilungsfehlern führen, bzw. zu Verzerrungen der Ergebnisse. Ein weiterer Beanstandungsaspekt ist der, daß Untersuchungspersonen ihr Verhalten verändern, sobald sie sich beobachtet fühlen, daß also die Beobachtung selbst das Verhalten und die Ereignisse beeinflußt. Vorbedingung für die Anwesenheit eines Beobachters ist also entweder die gering möglichste Einflußnahme auf die Interaktionen oder die Möglichkeit eine Rolle innerhalb des Feldes anzunehmen. Ein Beobachter sollte demnach über „Anpassungsfähigkeit, Kreativität und soziale Kompetenz“.[36]verfügen. Beobachtungsstudien können die Absicht verfolgen: a) etwas über die Lebenswelt von Organismen und die Gesetzmäßigkeiten dieser Lebenswelt zu erfahren (ökologischer Aspekt); b) etwas über Verhaltensnormen bestimmter Populationen, z.B. Alterspopulationen, zu erfahren (normativer Aspekt); c) etwas über den Zusammenhang zwischen verschiedenen Variablen zu erfahren, z.B. zwischen der sozialen Stellung in der Gruppe und der Ausübung sozialen Einflusses, also psychologische Gesetzmäßigkeiten aufzufinden (systematischer Aspekt); d) diagnostische Aussagen über Individuen machen zu können (ideographischer Aspekt).“[37] Beobachtung ist ein Verfahren zur Datengenerierung. Dieses hat FRIEDRICHS 1980[38] in fünf Dimensionen aufgeteilt.
Jede Dimension ist ein Aspekt des Beobachtungsverfahrens. In Abhängigkeit von dem Ziel, welches die Beobachtung verfolgt, wird entschieden, welche Form der Beobachtung angewandt wird: die Dimensionen werden kombiniert. Beispiel: Professorensprechstunde an einer Universität: Dimension 5: fremdes Verhalten wird registriert, Dimension 4: natürliche Situation, Dimension 3: unstandardisiert oder standardisiert; je nach Ziel der Studie werden vorab Verhaltenskategorien festgelegt, beispielsweise Begrüßungsriten oder der Beobachter nimmt jedwedes Verhalten wahr. Diese Dimension kann unstandardisiert zur Festlegung der standardisierten Beobachtung führen. Dimension 2: nicht-teilnehmend, da der Beobachter nicht an den Aktivitäten beteiligt ist und teilnehmend, da der Beobachter das Geschehen aus der Perspektive der Handelnden wahrnimmt, Dimension 1: in Abhängigkeit von räumlichen Voraussetzungen, Gefahren der Einflußnahme bei erkennbarem Beobachter, verdeckt oder offen. Die jeweilige Kombination der Dimensionen ist letztlich bedingt durch den Untersuchungsgegenstand und kann optional während der Untersuchung variieren. Grundsätzlich kann man zwischen der systematischen und unsystematischen Beobachtung unterscheiden. Systematisch bedeutet, daß der Beobachter nach einem Plan vorgeht, hinsichtlich dessen, was er beobachtet und dieses auch nach einem bestimmten Schema zu protokollieren hat. Bei der unsystematischen Beobachtung sind keine Regeln oder Beobachtungsplan vorgegeben. Kriterien für den Erfolg einer Datenerhebung sind die Gültigkeit (Validität) und die Zuverlässigkeit (Reliabilität) der erhobenen Daten. Reliabilität kann bei der Erhebungsmethode der Beobachtung durch Datengenerierung zweier Forscher erbracht werden oder durch den Datenvergleich zweier Erhebungszeiträume. Die Validität von Beobachtungsmethoden ist unentschieden. Ein hundertprozentiger Gültigkeitsnachweis der erhobenen Daten ist nur schwer zu erbringen. „Wenn wir mehr wissen wollen, müssen wir uns mit weniger sicherem Wissen bescheiden!“[39] „Alltägliches und wissenschaftliches Beobachten ist die zielgerichtete Erfassung der aktuellen Umwelt durch die Sinnesorgane (nicht nur durch die Augen!) und die Registrierung des Erfaßten in Informationseinheiten.“[40] ATTESLANDER stellt vier Schritte zusammen, die das Verfahren der Beobachtung durchlaufen: Grundanleitung:
Formulierung der Frage, Festlegung des zeitlichen Horizontes, Festlegung des
Raumes und der Anzahl der Mitwirkenden.
Typisierung:
Vergleichen der Sachverhalte mit anderen Sachverhalten und die Zuordnung dieser
in Klassen (Gleichheiten, Abweichendes)
Offenlegung:
Nonverbale Gesten werden vom Forscher in verbale transportiert
Falsifizierung:
Prüfung der Interpretationen des Beobachteten nach Mustern und Brüchen in
Mustern
offen/geschlossen:
Festlegung des Ausmaßes der Vollständigkeit der Protokollierung, in Abhängigkeit
von der
inhaltliche
Erstreckung: Festlegung des Verhaltens, welches beobachtet werden
soll in Abhängigkeit von der Stichprobe
zeitliche
Erstreckung: Festlegung der Dauer der gesamten Untersuchung
oder der Untersuchungsintervalle
Registriertechnik:
Festlegung des Auswertungsmodus
Methode:
fünf Beobachtungspläne: Tagebuch
(unsystematische Protokollierung über einen großen Zeitraum hinweg. Notiert
werden Auffälligkeiten oder Neuheiten. Auslegung des Verhaltens erfolgt erst
nach der Protokollierung. Geeignet für Einzelfallstudien). Exemplarische Beschreibung („geplante kontinuierliche und möglichst
vollständige Beschreibung aller auftretenden Verhaltenssequenzen und deren
situativen Kontextes unter bestimmten Bedingungen von Ort und Zeit.“[42] Zeitstichprobe (Verhalten wird
nur während festgelegter Beobachtungsintervalle registriert, um eine
repräsentative Stichprobe über ein bestimmtes Verhalten zu erhalten). Ereignisstichprobe (die Dauer der Beobachtungsintervalle
ist abhängig von der Dauer des Ereignisses, welches beobachtet wird. Das zu
registrierende Verhalten wird zuvor festgelegt). Schätzung von Eigenschaften (Eindrücke des Beobachters werden
protokolliert, nicht das Verhalten der Probanden selbst. Beobachtet werden
Ereignisse, die Auswertung ist quantitativ.)
Registriertechnik:
Kategoriensysteme (Verhaltensweisen
werden vor Beginn der Beobachtung bestimmten Kategorien zugeordnet, die in
einen Protokollbogen eingetragen werden, wenn sie während der Beobachtung
auftauchen). Zeichensysteme
(Ereignisse und Handlungen werden aufgelistet während der Beobachtung und
numerisch registriert). Schätzskalen
(nachträgliche Einstufung des Verhaltens nach dem Grad der Ausprägung).
1) Strukturierung /
Standardisierung
b)
halbstandardisierte Befragung (Interview-Leitfaden)
(Bsp.:
fokussiertes Interview: mittels Reizmaterial (z.B. Film, Aritkel), werden Stimulussituationen
geschaffen, danach werden Äußerungen, die nicht beeinflußt werden, die
spezifisch sind, die ein breites Spektrum erfassen (von Reizen und Reaktionen)
und Tiefgründigkeit besitzen (psychologische Motivation) erfaßt.)
c)
vollstandardisiert (Abfolge und Wortlaut der Fragen vorgegeben)
d)
offen oder nichtstandardisiert (nur thematischer Rahmen)
(Bsp.:
narritatives Interview, verwendet v.a. für Interaktionsfeldstudien mittels
Steggreiferzählungen, zum Erfassen biographischer Strukturen, Analyse von Statuspassagen
(Ausbildungs-, Beruf-, Betroffenenkarrieren)
2. Autoritätsanspruch
des Interviewers
b)
neutral (freundlich, aber distanziert)
c)
weich
3. Interviewerkontakt
b)
schriftlich
4. Anzahl der Befragten
b)
Gruppeninterview
5. Anzahl der
Interviewer
b)
Hearings oder Boardinterviews = mehrere Befrager
c)
Tandem-Interviews = 2 Befrager abwechselnd
6. Funktion des
Interviews
b)
informatives Interview = deskriptive Tatsachenerfassung
c)
analytisches Interview = theoriegeleitete Sozialforschung
d)
diagnostisches Interview = Erhebung des Merkmalsprofils der Person
Das qualitative Interview kann anhand
dieser Kriterien klassifiziert werden als
2) Auswertung (qualitativen Datenmaterials) gewonnen durch Erhebungen, Befragungen und Beobachtungen Innerhalb einer empirischen Studie findet die qualitative Inhaltsanalyse zu Beginn und am Ende der Studie ihre Aufgabe. Zu Beginn wird mittels des Analyseverfahrens ein Zugang zur Fragestellung, zur Begriffs- und Kategorienfindung und zum Analyseinstrumentarium hergestellt. Mittels dieser gewonnenen Daten können im weiteren Verlauf der Studie quantitative oder qualitative Methoden angewandt werden bis am Ende der Studie wieder auf die Inhaltsanalyse zurückgegriffen wird, um den Kontext Fragestellung-Ergebnisse zu erleuchten und die Interpretation durchzuführen. Nach MAYRING existieren drei „Grundformen des Interpretierens“>[48]: 1. zusammenfassende Inhaltsanalyse: Der Gesamtinhalt des Textes wird zusammengefaßt und die bedeutsamen Aspekte subsumiert, ohne das die Aussage des Textes verloren geht. Viele Einzelkategorien werden unter einer Hauptkategorie zusammengefaßt, um einen Überblick über die Aussage des Materials zu erhalten. 2. explizierende Inhaltsanalyse: einzelne Textpassagen (oder auch nur einzelne Wörter oder Sätze), die unklar oder problematisch erscheinen werden mittels Hinzuziehen von zusätzlichem Quellen interpretiert, präzisiert und verständlicher gemacht. 3. strukturierende Inhaltsanalyse: Der Text wird hinsichtlich genau festgelegter Aspekte durchforstet. Ziel ist es ein Profil zu erstellen oder um ermessen zu können, welche Charakteristika das Material aufweist. Kriterien für diese Strukturierung können sein: formale Aspekte (z.B. Syntax), inhaltliche Aspekte (z.B. thematische Kategorien), typisierende Aspekte (z.B. repräsentante Beispiele) und skalierende Aspekte (z.B. Ordninalskala). Kontextnahe Untersuchungsanordnungen Aufgrund der Komplexität der folgenden Untersuchungsmethoden (Gruppen-diskussionsverfahren, objektive Hermeneutik, biographische Methode, Aktions- und Handlungsforschung), werden diese nur in Ansätzen und Nuancen dargestellt, um einen schemenhaft Überblick zu verschaffen. Alle Verfahren weisen gemeinsame Merkmale auf: sie sind prozeßorientiert, da soziales Handelns sich nur unter Berücksichtigung des „bedeutungsrelevanten sozialen Kontextes“[49] erklären läßt (Untersuchung von Interaktionsfeldern, nicht von Individuen). Die Verfahren arbeiten Typisierungen in der sozialen Wirklichkeit heraus, dies geschieht mittels Rekonstruktion charakteristischer Prozesse und nicht durch den Fokus der Untersuchung auf einen signifikanten Zeitpunkt. Gruppendiskussionsverfahren Gruppendiskussionsverfahren stellen eine Methode dar, mittels der Merkmale einer einzelnen Person in einer Gruppe (Einstellungen, Meinungen, u.ä.) oder mit der Merkmale der gesamten Gruppe (soziale Normen) erhoben werden können. Gruppendiskussionsverfahren können sein: Durchführungskriterien eines Gruppendiskussionsverfahrens: Vorbedingung für ein Gruppendiskussionsverfahren ist, daß alle Diskussionsteilnehmer ohne Zeitdruck am gleichen Ort sind. Dieser Ort muß störungsfrei sein. Als zeitlicher Rahmen sind ein bis vier Stunden der Regelfall. Sofern die Gruppengröße nicht vorgegeben sollte die Teilnehmerzahl zwischen sechs und zwölf Personen liegen. „In der sozialen Zusammensetzung der Diskussionsgruppe erweist sich in den meisten Fällen eine homogene Teilnehmerschaft als vorteilhaft [...]. Inhomogene Gruppen können andererseits die Vielfalt der geäußerten Meinungen fördern, die Erörterung verschiedener Sichtweisen beleben und entsprechen teilweise durchaus der natürlichen Zusammensetzung von Realgruppen“.[50] Die Diskussion sollte mittels eines Stimuli vorbereitet werden, auf den die Teilnehmer reagieren können (Film, Brief, Zeitungsausschnitt, Kurzfragebogen). Der Forscher, bzw. Diskussionsleiter, hat nur leitenden Charakter. Er ist verantwortlich dafür, daß jeder Teilnehmer die Möglichkeit hat zu Wort zu kommen und achtet darauf, daß der thematische Rahmen nicht verlassen wird und stellt eventuell neutrale Zwischenfragen. Die Datenerhebung- und Auswertung erfolgt meist über einen Tonbandmittschnitt der Gruppendiskussion. Möglich sind auch stenographische Mitschriften, welche sehr aufwendig sind, oder Video-Aufnahmen, welche die Situation jedoch unnatürlich verlaufen lassen können. Die Datenauswertung erfolgt weitgehend über Inhaltsanalysen. Ausgewertet werden dabei: (1) die themenbezogenen Meinungsverteilungen, einschließlich der Motive, Perspektiven und Zusammenhänge zwischen Reaktionen (soweit genügendes Datenmaterial vorhanden), (2) die Abhängigkeit der Meinungsverteilung von demographischen Merkmalen der Teilnehmer (innerhalb jeder Gruppe), (3) Vergleiche zwischen verschiedenen Gruppen (homogene/inhomogene, mit ähnlicher/unähnlicher Teilnehmerstruktur), (4) Analyse der Beziehungsebene (einschließlich des nonverbalen und des Schweigeverhaltens.)“>[51] Weitere Auswertungsmöglichkeiten sind: das Drei-Stufen-Schema: 1. freie Deutungen der Diskussionseinheiten, 2. Diskussionsverläufe zwischen sozial-gleichen Gruppen werden verglichen, 3. Variablen werden gedeutet (z.B. Gruppenmeinungen, Meinungskonflikte, u.ä.). Quantitative Auswertung: das Diskussionsmaterial wird unterteilt in Sinnabschnitte, die thematischen Kategorien zugewiesen werden (Kodierung). Hermeneutische Textauswertung: durch Analyse der Aufzeichnungen soll logisch, psychologisch, szenisch und tiefenhermeneutisch der Sinngehalt erfaßt werden. Objektive Hermeneutik Die Methode der Objektiven Hermeneutik wurde in den 70er Jahren am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung/Berlin von OVERMANN u.a. entwickelt. Die Forschung konzentrierte sich auf familiale Sozialisation. Die Objektive Hermeneutik „versteht sich einerseits als gegenstandsnahes Verfahren zur Analyse von primären Bildungsprozessen (des Kindes in seiner Herkunftsfamilie): der ‘sozialen Konstruktion des Subjekts’ im Rahmen einer soziologischen Sozialisationstheorie“.[52] Hermeneutisch bedeutet bezogen auf diese Methode, daß Interaktionstexte (zwischen Eltern/Kindern, Sprechern/Publikum) bezüglich ihres Sinngehalts gedeutet werden. Objektiv bedeutet zweierlei: erstens ist nicht das Ziel, sondern der (auch unbewußte) Sinn von Handlungen Gegenstand des objektiven Interesses der Forscher und zweitens ist die Interpretation regelgeleitet und somit objektivierbar. Die Forscher werden daher als Interpreten bezeichnet. Die Methode der Objektiven Hermeneutik dient der Datenkonstitution. Sie erhebt keine primären Daten und wertet sie nicht endgültig aus. Die Texte, die einer hermeneutischen Interpretation unterzogen werden, können aus Tonbandaufzeichnungen, die niedergeschrieben wurden, aus Wortmitschriften narrativer Interviews oder Beobachtungsmitschriften stammen. „Die hermeneutische Deutungsarbeit ist also Auswertung von interaktionsprotokollierendem Material und Erzeugung von interaktionstheoretisch fruchtbaren Daten zugleich.“[53] Biographische Methode Die Biographische Methode ist das Verfahren, welches innerhalb der qualitativen Forschungslandschaft, die größte Eigenständigkeit besitzt. Gegenstandsbereich ist die soziale Wirklichkeit einzelner Menschen. Mit der biographischen Methode wird versucht, „Informationen über den Lebenslauf (die Lebensgeschichte) eines Individuums aufzuzeichnen, um auf diese Weise wichtige und für den Lebensfortgang dieses Individuums bedeutsame Daten zu erhalten. Die Daten betreffen entscheidende Handlungen, Einstellungen, markante Lebensabschnitte und -prozesse, berufliche und private Aktivitäten, Stellungnahmen zu wichtigen Ereignissen der Epoche, religiöse und wertbezogene Überzeugungen, die Lebensplanung, ect.“[54] Die Ansprüche, die an diese Forschungsmethode gestellt werden, sind: Die Daten werden aus der Lebensgeschichte gewonnen und basieren auf Äußerungen über die Identität, die Lebenswelt und eigene Deutungen der Person. „Subjektive Erfahrung und subjektives Handeln rückt damit ins Zentrum der Aufmerksamkeit; in diesem Sinne kann man sagen, daß Biographieforschung die umfassenste Thematisierung von Subjektivität ist.“[55] Das Datenmaterial kann bereits zum Beginn des Verfahrens zur Verfügung stehen oder im Laufe der Studie aufgenommen werden. Bereits vorliegen können Briefe, Tagebücher, Familienchroniken, Reiseberichte, Selbstdarstellungen, Zeitungsberichte, Personalakten, Memoiren, Biographien, ect. Dabei kann es sich um Material von der Person selbst oder um fremdverfaßte Texte handeln. Überwiegend jedoch wird Datenmaterial mittels biographischer Interviews erhoben. Die Durchführung einer biographischen Untersuchung kann sich in 9 Schritten vollziehen: 1. Benennung des Problems und der Forschungshypothesen. Was sind die wesentlichen Begriffe? 2. Festsetzung der Grundgesamtheit. Welche Personen sind von Interesse? 3. Festsetzung der Erhebungsform. Wie soll die Lebensgeschichte dokumentiert werden? (Informant schreibt Geschichte auf, oder erzählt sie in Interviews) 4. Vergleich der Aussagen und Informationen der Person mit Aussagen anderer Personen. Gibt es Widersprüche, Abweichungen oder Kontinuitätsbrüche? 5. Auswertung des Datenmaterials 6. Beurteilung der Qualität der Daten. Kann mittels der erhobenen Daten die Forschungsfrage geklärt werden? 7. Überprüfung der Hypothesen. Gibt es unschlüssiges Datenmaterial aufgrund dessen die Hypothese revidiert oder relativiert werden muß? 8. Formulierung der ersten Niederschrift. Wie sehen die Reaktionen des Informanten aus, nach dem Lesen der ersten Niederschrift? 9. Formulierung der zweiten Niederschrift unter Hinzuziehung der Reaktionen des Informanten auf die erste Niederschrift, Hypothesendarlegung incl. der Bestätigungs- oder Widerlegungsaspekte. Welche Relevanz besitzt die Studie bezüglich der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung und Forschung? Aktions- und Handlungsforschung Die Handlungstheorie geht davon aus, daß alle Interaktionen als interpretativer Prozeß zu verstehen sind, in dem die Handelnden sich durch sinngebende Deutungen dessen , was der andere tut, oder tun könnte aufeinander beziehen (Antizipation von Erwartungen). Ziel der Handlungsforschung sind „praktisches sozialveränderndes Handeln, wissenschaftliche Forschung und aufklärende Erziehung (Lernen) der Betroffenen“.[56] Der prägnanteste Unterschied dieses Verfahrens gegenüber anderen Methoden der Sozialforschung ist der, daß die Wissenschaftler nicht neutral beobachten, bzw. forschen, sondern selbst zu Handelnden werden. Der Forscher wird zum aktiven Teil einer Untersuchung, deren Ziel es ist, Veränderungen herbeizuführen. Er ist Subjekt mit der Absicht Subjekte zu erkunden. Die Probleme des Gesamtheit (das Objekt der Untersuchung) sind auch die Probleme des Forschers. Dieses ist von WOHLRAPP als das Prinzip der „Einheit von Subjekt und Objekt“[57] bezeichnet worden. Erforscht werden Zusammenhänge, die die Probleme und Bedürfnisse der Untersuchungsgesamtheit betreffen. Anwendungsgebiete sind bis dato in Deutschland die „sozialpädagogische Stadtteilarbeit, Jugendarbeit, Hochschuldidaktik sowie Produktions- und Verwaltungsbereiche aus der Erwerbstätigken-Arbeitswelt im Rahmen des Forschungsprogramms ‘Humanisierung des Arbeitslebens’ der Bundesregierung (und) [...] unterpriviligierte Sozialkategorien wie Gefängnisinsassen, ausländische Arbeiter, Bewohner von Problemvierteln, benachteiligte (z.B. arbeitslose) Jugendliche und Suchtkranke.“[58] Aktionsforschung stellt einen Forschungstypus dar, bei dem der Forscher in vollem Bewußtsein nicht nur Element der Untersuchung ist, sondern den Gegenstand der Untersuchung kontrolliert und im Verlauf der Forschung konkret auf die Verbesserung oder Lösung eines praktischen sozialen Problems einwirkt. Die Durchführung eines Verfahrens zur Handlungsforschung läßt sich in einem zyklischen Ablaufmodell[59], bestehend aus vier Phasen, welche sich abermals in einen Forschungs-Aktions-Zyklus unterteilen lassen, darstellen.
Verfasser: © Carmen Wingenbach, 2000 Fussnoten [1] K. Treumann: Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München: Juventa-Verlag, 1986, S.199 [2] K. Treumann: Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München 1986 [3] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988; S. 32ff [4] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988, S.32 [5] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 15 [6] Kunzmann/Burkard/Wiedmann: dtv-Atlas zur Philosophie, München 1991, S.99 [7] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 16 [8] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 18 [9] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S. 117 [10] Kunzmann/Burkard/Wiedmann: dtv-Atlas zur Philosophie, München 1991, S.193 [11] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S. 119 [12] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.22 [13] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.23 [14] F. Banki: Wege der pädagogischen Forschung. Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S.29 [15] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 23 [16] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.109 <[17] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.108 [18] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.58 [19] Treibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart.Opladen 1994, S. 112 [20] Teibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1994, S.114 [21] H. Garfinkel: Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln. In: H. Steinert (Hg.): Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart 1973, S. 290 [22] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 22 [23] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 23 [24] D. Garz: Entwicklungslinien qualitativ-empirischer Sozialforschung. In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 26 [25] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988 [26] W. Wolf: Qualitative versus quantitative Forschung. In: E. König, P. Zedler (Hg.): Bilanz qualitativer Forschung. Bd I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 309-329 [27] Vgl. S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988 [28] W. Wolf: Qualitative versus quantitative Forschung. In: E. König, P. Zedler (Hg.): Bilanz qualitativer Forschung. Bd I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 315 [29] aus: K. Treumann: Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. In: HEITMEYER, W. (Hrsg.): Interdisziplinäre Jugendforschung. Weinheim; München: Juventa-Verlag, 1986 [30] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988 [31] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1 Methodologie. Weinheim 1988, S.21 [32] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.33ff [33] E.König u. A. Bentler: Arbeitsschritte im qualitativen Forschungsprozeß - ein Leitfaden. In: B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.90 [34] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 118 [35] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 118 [36] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 138 [37] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 431 [38] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 121 [39] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 147 [40] P. Atteslander: Methoden empirischer Sozialforschung. Berlin; New York 1984, S.145 [41] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 434 [42] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 433 [43] H.M. Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1. Göttingen 1978, S. 441 [44] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 163 [45] P. Atteslander: Methoden empirischer Sozialforschung. Berlin; New York 1984, S.84 [46] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 190 [47] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 189ff [48] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 202 [49] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.212 [50] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.220 [51] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.226/27 [52] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.231 [53] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.248 [54] K.-E. Rogge (Hg.): Methodenatlas. Berlin Heidelberg 1995, S.143 [55] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 255 [56] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.280 [57] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.283 [58] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S.285 [59] W. Spöhring: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart 1995, S. 287 [60] S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie. Weinheim 1988; S. 32ff [61] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.36 [62] B. Friebertshäuser, A. Prengel (Hrsg.): Handbuch qualitativer Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München 1997, S.36 [63] H. Weishaupt: Qualitative Forschung als Forschungstradition. Eine Analyse von Projektbeschreibungen der Forschungsdokumentation Sozialwissenschaften (FORIS). In: E. König, P. Zedler (Hrsg.): Bilanz qualitativer Forschung. Band I: Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim 1995, S. 75ff [64] H-P. Müller: Sozialstruktur und Lebensstile. Der neuere theoretische Diskurs über soziale Ungleichheit. Frankfurt/M 1993, S.159 |
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